Wir können nicht weg aus Moskau, ohne nicht ihn besucht zu haben: Lenin. Der Mann der Oktoberrevolution, der erste sozialistische Superstar. Er ruht hier in seinem Mausoleum, viermal die Woche für drei Stunden. Also: Ruhen tut er dort immer, diese zwölf Stunden aber öffentlich.
Zu Zeiten der Sowjetunion war das Mausoleum mit Lenin ein großes Reiseziel. Einmal in Moskau sein, einmal den Leichnam Lenins sehen. Die Menschen sind dafür schweigend, trauernd, diszipliniert angestanden. Drei Stunden lang. Es kamen dann andere Zeiten. Wer wollte noch zu Wladimir Iljitsch Uljanow? Ein paar West-Touristen kamen noch. Sie mussten allenfalls ein paar Minuten am Metalldetektor vor der Kreml-Mauer warten.
Doch bei der Fußball-WM ist Lenin ein Zuschauermagnet, ein Held der Internationalisierung. Großes Comeback. Es bildet sich eine Menschenschlange mit drei Krümmungen. Über eins Stunde dauert es – vom Reporter dieser Zeitung ausprobiert –, bis man dran ist. Es ist natürlich ausschließlich Fußballfanvolk, das zu Lenin drängt. Vor allem lateinamerikanisches.
Wir freuen uns für Lenin über dieses Zwischenhoch vor seinem 100. Todesjahr (2024), jedoch tut er uns auch ein bisschen leid. Weil das Mausoleum derzeit kein Hort der Ruhe ist. Es liegt direkt am Roten Platz, den die FIFA für die WM ballermannisiert hat. Die Soundfetzen von einem Promi-Kick dringen bis zum Mausoleum. Und wirklich erst, wenn man um ein paar Ecken gegangen und eine Treppe hinabgestiegen ist, herrscht Stille. Ein Ehepaar, das sich unterhält, bekommt von einem wachenden Soldaten ein „Schschsch“ entgegengeschleudert.
So geht man um diese Art Schneewittchensarg herum, in dem ein kleiner wächserner Mann liegt. Konserviert bis heute. Fotografieren kann man ihn nicht, mit Lenin gibt es weltweit kein einziges Selfie, und das ist gut so.
Die lebenden Lenin-Doppelgänger, denen man noch vor ein paar Jahren begegnete, sind vom Roten Platz verschwunden, wie auch die fliegenden Pelzmützen- und KPdSU-Abzeichen-Verkäufer. Wenigstens das.
Aber wir denken schon: Ein Rummel ist das, dass Lenin sich manchmal wohl im Grab umdreht. Außerhalb der Öffnungszeiten. Günter Klein