München – Wahrscheinlich war es vorherbestimmt, dass Kristian Böhnlein im hohen Fußballeralter von 28 Jahren doch noch beim TSV 1860 gelandet ist. Bei der Familie! Bei der Kindheit! Bei der Löwen-Liebe! Der Ex-Kapitän der SpVgg Bayreuth denkt gerne an seine Vergangenheit als 1860-Fan – und spricht über seinen Karrieresprung wie über einen Sechser im Lotto.
Die Eltern: tiefblau. Ebenso die beiden Brüder. „Highlight“ in Böhnleins Familie sei Ende der 90er-Jahre gewesen, „zwei-, drei-, viermal pro Jahr“ ins Olympiastadion zu fahren. Er trug ein Trikot vom inzwischen verstorbenen Torwart Bernd Meier, bewunderte die feinen Füße von Martin Max und Icke Häßler. Erstmals hat er die Löwen live bejubelt, als Abédi Pelé sein Debüt im 1860-Trikot feierte. „Klar“, sagt Böhnlein, der wie Nico Karger aus dem oberfränkischen Kronach stammt: „Als Bub hatte ich natürlich auch Bettwäsche von den Sechzigern.“ Dazu Kissen, einen kleinen Stofflöwen fürs Auto – so ziemlich alles, was der 1860-Fanshop hergab.
Und plötzlich: Sitzt er in der Kabine neben den Helden, denen er Ende Mai noch in der Relegation die Daumen gedrückt hatte („Das war ein schweißtreibender Nachmittag auf der Couch“). Hat sein bürgerliches Leben in Bayreuth unterbrochen, wo er eine Festanstellung als Kreditberater bei einer Großbank hatte. Wird künftig all die Annehmlichkeiten eines Profiklubs genießen, von denen er bisher nur geträumt hatte.
„Für mich ist es hier wie im Paradies“, sagt der vielseitige Linksfuß: „In Bayreuth wussten wir oft morgens nicht, wo wir am Abend trainieren werden.“ Warmes Wasser war eine Seltenheit auf dem antiquierten Vereinsgelände der SpVgg. Und wenn der Platz mal wieder gesperrt war, kam es vor, dass die Feierabendkicker nach Neudrosselfeld oder auf einen anderen Dorfplatz ausweichen mussten.
Damit ist ab sofort Schluss. Weil Böhnlein Ende 2017 plötzlich den Löwen-Scout Jürgen Jung am Telefon hatte – und kurz darauf an der Grünwalder Straße vorstellig wurde, in Daniel Bierofkas Trainerbüro. Spätestens da war ihm klar: „Ich muss es einfach machen.“ Den Schritt in den Profifußball wagen, den er damals – als Nachwuchsspieler beim HSV – nicht ganz geschafft hatte.
Kontakt aufgenommen hatten die Löwen, als noch nicht absehbar, dass es mit dem Sprung in die 3. Liga klappen würde. Böhnlein gehörte jenem Transferpaket an, das die Kaderoptionen für den Fall des Nichtabstiegs erweitern sollte. Ist ihm aber egal. Mit heißem Herzen lässt er sich auf das Abenteuer bei seinem Lieblingsklub ein – und traut sich auch zu, den Löwen weiterzuhelfen. Spielen kann er auf der Sechs, auf der Zehn, notfalls auch links hinten. Und als Stärken gibt er an: „Ich hab einen guten linken Fuß, bin verbissen ehrgeizig und zweikampfstark.“
Für solche Spieler, zumal im Leben stehend und als charakterstark geltend, hat Bierofka eine Schwäche. Und auch Böhnlein erweckt den Eindruck, überglücklich mit sich und seiner neuen Welt zu sein. Nur eine Sache, mit der kann er ganz schlecht leben: „Wenn ich abends auf dem Balkon meiner Schwabinger Wohnung stehe, sehe ich die Arena.“ Und dieses Rot, es passt denkbar schlecht in die Welt des Bayreuther Blaublüters. uli kellner