Wimbledon – Die Sonne stand schon ziemlich tief, und das Licht auf Court No. 2 war wunderbar. In diesem weichen Licht segelte ein Ball von Tatjana Maria an der am Netz stehenden Gegnerin vorbei, landete kaum hörbar im Feld; es war ein Moment stiller Perfektion. Maria hatte einen Rückhand-Slice geschlagen, bei dem sich der Ball gegen die Uhrzeiger-Richtung dreht, der mit einer flachen Flugkurve unterwegs ist und auch flach abspringt, nachdem er den Boden berührt hat. Früher gehörten Schläge wie dieser zum klassischen Rasenspiel, heutzutage sieht man sie nicht mehr so oft. Doch Maria spielt auf Rasen nicht nur die Rückhand mit Unterschnitt, sondern auch die Vorhand, und diese Kombination ist bei den Gegnerinnen nicht allzu beliebt.
Spürt sie den Frust der anderen? „Ja. Das merk ich schon, bevor wir auf den Platz gehen. Ich weiß, dass sie mein Spiel einfach nicht mögen, weil es anders ist.“ Jelina Switolina aus der Ukraine, gegen die sie im goldenen Licht in der ersten Runde der Championships gewann, gehört zur großen Mehrheit der anders Spielenden. Mit Vorwärtsdrall und dem weit verbreiteten Motto: Immer feste druff. Switolina zählt sicher nicht zum Fachpersonal auf Rasen, aber sie ist die Nummer fünf der Welt, und deshalb hatte der Sieg für Tatjana Maria besondere Bedeutung. Das sei die nominell beste Gegnerin gewesen, die sie je besiegt habe, meinte sie, „fühlt sich sehr gut an.“
Vor etwas mehr als einer Woche hatte sie bei den Mallorca Open den ersten Einzeltitel ihrer Karriere gewonnen, ebenfalls auf Rasen, und die Wirkung solcher Erfolge geht ja weit über das spontane Glück des Moments hinaus. Eine Reihe von Siegen, auf Mallorca waren es fünf, hinterlässt eine Form von Selbstvertrauen und Sicherheit, die kein Training bieten kann, und dazu kommt, dass man mit einem Titel in der Tasche von der Konkurrenz wahrgenommen wird. „Die Spieler sehen einen ein bisschen anders“, sagte Maria nach dem beglückenden Sieg in Runde eins, „sie haben mehr Respekt.“
Auf dem Rasen Wimbledons fühlte sie sich schon immer besonders wohl, nicht nur wegen der speziellen Wirkung ihrer Schläge. Der All England Club bietet eine erstklassige Kinderbetreuung im Spielerbereich an, die Charlotte, ihre zuckersüße Tochter, schon seit Jahren genießt. Charlotte ist viereinhalb, aber in gewisser Weise kennt sie den Club schon länger, denn bei einem Spiel 2013 in Wimbledon war die Mama im vierten Monat schwanger mit ihr. Gewöhnlich ist die Kleine hier bestens versorgt, wenn Mama und Papa bei der Arbeit sind – der Franzose Charles Maria ist nicht nur Tatjanas Ehemann, sondern auch ihr Coach –, während des Spiels gegen Switolina wurde die Sache allerdings kurz mal kompliziert, weil die Kinderbetreuung abends um 20 Uhr schließt, Kinder unter fünf Jahren aber keinen Zugang zum Platz haben. Aber die Familie ist gut organisiert; diesmal kümmerte sich ein Cousin um Charlotte, bis die Mama um kurz nach 9 den ersten Matchball verwandelte. Mütter auf der Tennistour brauchen neben vielen anderen Fähigkeiten eine Menge Organisationstalent, alles in allem betrachtet ist Tatjana Maria aber ein wunderbares Beispiel dafür, wie das funktionieren kann.
Mit Charlotte im Schlepptau erreichte sie im vergangenen Jahr die beste Platzierung ihrer Karriere in der Weltrangliste (46), und so sehr sie sich über Erfolge wie auf Mallorca oder Siege wie beim Sonnenuntergang in Wimbledon freut – das Wohlergehen der Familie, versichert sie, habe immer und überall Priorität. „Solange wir zusammen reisen und meiner Tochter geht es gut, das ist das Allerwichtigste.“ Charlotte besitzt drei Reisepässe und hat von der Welt längst mehr als die meisten Erwachsenen gesehen, und zumindest bis sie in die Schule kommt, wird sie weiter an den Stränden der ganzen Welt spielen.
Heute in der Partie gegen die Französin Kristina Mladenovic, aktuell Nummer 62 der Welt, wird die Mama versuchen, den Schwung und das gute Gefühl dieser Wochen auf dem Rasen zu nutzen, und falls es ihr gelingt, könnte danach eine sehr spezielle Begegnung warten. Eine der potenziellen Gegnerinnen für Runde drei ist Serena Williams, die sie ziemlich gut kennt, weil die Familien Maria und Williams in Palm Beach Gardens/Florida nicht weit voneinander leben und sich öfter sehen. Aber eins nach dem anderen. Beim ersten und bisher einzigen Sieg gegen Kristina Mladenovic vor acht Jahren hieß Tatjana Maria noch Malek und hatte nicht den Hauch der Ahnung von einer beglückenden Karriere mit Kind.