München – Die entscheidenden Informationen standen auf seiner Trinkflasche. Jordan Pickford hatte sich – Jens Lehmann lässt grüßen – einen Spickzettel für das Elfmeterschießen geschrieben und darauf befestigt. Vor dem Duell mit den Kolumbianern warf der englische Nationalkeeper also noch einmal einen Blick auf seine Notizen. Eine gute Idee: „Falcao war der einzige, der nicht so geschossen hat wie vorhergesagt“, sagte Pickford – nachdem er wenige Minuten zuvor zum neuen britischen Fußballhelden aufgestiegen war.
Mit seiner spektakulären Parade gegen Carlos Bacca, bei der er den Ball mit einem blitzartigen Reflex, der seine linke Faust in die Luft schnellen ließ, abwehrte, ebnete Pickford England den Weg ins heutige Viertelfinale gegen Schweden. Und befreite das selbst ernannte Mutterland des Fußballs damit von einem Jahrzehnte andauernden Trauma. Der Sieg gegen Kolumbien war der erste Erfolg einer englischen Nationalmannschaft im Elfmeterschießen seit 1996. Frühere englische Torhüter hatten eher durch Patzer auf sich aufmerksam gemacht.
Zu Pickfords Stärken zählt sein ausgesprochen großes Selbstbewusstsein. Angesprochen auf sein Vorbild, den spanischen Nationalkeeper David de Gea, sagte der gerade einmal 24 Jahre alte Torwart kürzlich: „Ja, er ist der Beste. Aber so weit wie er vor ein paar Jahren bin ich jetzt auch.“ Auf dem Platz tritt Pickford als lautstarker Antreiber auf. Er brüllt, er dirigiert, er applaudiert – nur äußerst selten während eines Spiels ist er ruhig. Ein Verhalten, das durchaus auch auf seinen Vorgänger im Nationaldress, Joe Hart, zutrifft.
Doch unterscheiden sich die beiden in einem Punkt gewaltig: Pickford zählt zur neuen Generation der Torhüter. Sein Spiel besticht nicht ausschließlich durch spektakuläre Paraden oder das Abfangen von Flanken. Vielmehr ist Pickford ein elfter Feldspieler. Mit präzisen Abschlägen auf die Flügelflitzer Raheem Sterling und Jesse Lingard leitet er immer wieder Angriffe ein. Sein Ex-Trainer beim FC Everton, David Moyes, hat die fußballerischen Fähigkeiten Pickfords folgendermaßen zusammengefasst: „Es ist, als würde man einem richtig guten Mittelfeldspieler zusehen.“
Dennoch waren in der Heimat zunächst nicht alle Fans davon begeistert, dass sich Gareth Southgate für den unerfahrenen Pickford, und gegen Routinier Hart als Nummer eins entschied. Gerade einmal drei Länderspiele und 69 Auftritte in der Premier League hatte er vor Beginn des Turniers in Russland vorzuweisen. Auch um seine fehlende Größe entbrannte eine Diskussion. Mit 1,85 Meter sei Pickford zu klein, hieß es. Nach der 0:1-Niederlage gegen Belgien zum Abschluss der Gruppenphase spottete gar dessen Torwart Thibaut Courtois – Größe: 1,99 Meter – in Richtung des Briten: „Er ist zu klein. Ich hätte den Schuss von Januzaj gehalten.“
Häme, die an Pickford abprallt. Er hat in seiner Karriere gelernt, mit Widerständen umzugehen. Bei seinem Jugendverein AFC Sunderland stand er lange in der zweiten Reihe. Insgesamt sechs Mal verlieh ihn der Klub zu unterklassigen Vereinen. Pickford, der sämtliche englische U-Nationalmannschaften durchlaufen hat, kämpfte sich kontinuierlich von der vierten Liga nach oben. Nach gerade einmal einer Saison als Stammtorhüter bei Sunderland folgte vergangenen Sommer der erste große Transfer: Für rund 30 Millionen Euro wechselte er zum FC Everton.
Angesprochen auf die Kritik von Courtois, schmunzelt Pickford. Sein Kommentar: „Es ist mir egal, dass ich nicht der größte Torhüter bin. Ich habe die Kraft und die Beweglichkeit, um jeden Ball zu erreichen.“ Carlos Bacca wird nicht widersprechen.