Die Verwahrlosung des WM-Mannes

von Redaktion

Manche machen Psychoanalyse oder Selbstfindungsreisen in die Wüste Sinai, um sich selbst zu enträtseln. Ich nicht. Ich schaue Fußball-WM. Nirgends lerne ich mich besser kennen. Meine Abgründe. Meine Vorurteile. Vor allem seit Deutschland raus ist, nutzte ich jedes Spiel auf der Wohnzimmercouch zur Selbstbeschau. Denn es ist so: Ein WM-Spiel macht nur Spaß, wenn man eine Lieblingsmannschaft auf dem Platz hat. Außer man ist Taktikblogger, dann freut man sich nicht über Tore, sondern über „situativ abkippende Mittelstürmer“. Was demnächst bestimmt in eine Doktorarbeit münden wird: „Situativ abkippende Schlaumeier – wie Taktikfüchse Jogi Löw um den Verstand brachten“.

Aber das ist eine andere Geschichte. Die Geschichte, die hier gespielt wird, heißt: Such den Weltmeister. Nachdem sich Deutschland verabschiedet hat, habe ich es erst mit Japan versucht. Ich war vor einiger Zeit mit meiner Freundin in Tokio in einer Bar, als vier japanische Rentner bemerkten, dass wir nicht wie Japaner ausschauen. Sie sagten plötzlich Dinge wie: „Beckenbauel! Lummenigge! Geld Müllel!“ Sie wussten sogar, dass Hiroshi Kiyotake mal für Nürnberg spielte. Die Männer waren Fußball-Alleswisser, Schwerpunkt Bundesliga der frühen 1970er-Jahre. Später luden sie uns zu Bier und Nudelsuppe ein. Ich hätte Japan den Titel gegönnt, wirklich wahr, nur für diese vier alten Männer.

Aber Japan ist ausgeschieden, deswegen brauche ich neue Teams, zu denen ich halten kann. Ich bin anspruchsvoll, aber flexibel. Brasilien scheidet aus, Neymar ist charakterlich nicht zu ertragen. In der Nähe von London habe ich mir kürzlich einen Sonnenbrand zugezogen, deswegen soll England rausfliegen.

Schweden ist sauteuer, Putin mag keiner. So läuft das, wenn ich WM schaue. Ich biege mir auf Teufel komm raus zurecht, warum ich unbedingt gegen dieses und für das andere Land bin. Ich mache es wie die schlauesten Populisten, wie die wütigsten Wutbürger und die tobsüchtigsten Internet-Pöbler. Ich beziehe alles auf mich, jedes Ergebnis, jede Schwalbe. Ich bin der Nabel dieser WM. Ich bin Wut und Freude gleichermaßen. Ich bin die irdische Gerechtigkeit, die über Sieg und Niederlage in Samara und Sotschi entscheidet. Das macht die WM aus schlichten Männern wie mir. Wir verwahrlosen, werden größenwahnsinnig und haben Spaß dabei.

Deswegen bin ich nach Abwägen sämtlicher Argumente zu dem Urteil gekommen, dass Kroatien Weltmeister werden darf. Gründe: Die Mama meiner Freundin stammt aus Kroatien. Ich mag Cevapcici. Und ich kann genau ein Wort: Budala. Dummkopf. Stefan Sessler

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