Erlesene Weltmeisterschaft

von Redaktion

Unser Sportchef hat mich um einen Text für diese Rubrik gebeten. Das wird leider nichts. Denn ich schaue WM, habe also keine Zeit. Wenn aber spielfrei ist, heißt es „Zeit zum Aufstehn“. Das sagt nicht meine Frau, so heißt ein Buch des Autors August Kühn, das neben mir liegt. Da ich ihn schätze, komme ich der Aufforderung nach. Ich drehe mich sogar um. Das bedeutet: Mein Bewegungsradius ist jetzt größer als der mancher Spieler – und ich blicke nicht mehr auf den Fernseher, sondern aufs Bücherregal.

Im Idealfall ist dieses so kompakt gestellt wie die Mauer beim Freistoß. Doch ich suche nach Lücken. Dabei fällt auf, wie ähnlich sich Bücher und WM sind. Da gibt es „Große Erwartungen“ von Charles Dickens, in der Nähe stehen „Empörung“ sowie „Die Demütigung“ des kürzlich verstorbenen Philip Roth, etwas weiter erblicke ich Erich Kubys Textsammlung „Alles im Eimer“: Der deutsche Auftritt in Russland in vier Titeln.

Peter Handkes „Die Angst des Tormanns beim Elfmeter“ erwähne ich hier nicht. Schon Mario Gomez wusste, dass nicht alles verwandelt werden muss, was sich anbietet. Interessanter ist „Mein Jahr in der Niemandsbucht“, ein Werk, das Handke derart langsam entwickelt wie Gras wächst. Apropos: Kommt Ihnen der Rasen in Russland auch fleckig vor?

Doch es gibt eine Lücke im Regal; ich habe die „Kakerlaken-Kunde“ verliehen. Nach manchem, was man aus Russland hört, könnte man meinen, Luo Ying schildere in den Gedichten die Wohnsituation von Sportlern und Reportern. Zugegeben: Andere Berichte erinnern eher an „Imperial Bedrooms“ von Bret Easton Ellis.

Bei der Lyrik darf Albert Ostermaiers „Flügelwechsel“ nicht fehlen. Zu diesen Fußball-Oden hat Oliver Kahn das Vorwort geschrieben. Von hier aus geht’s direkt zur Gesamtausgabe von Miroslav Krležas „Die Fahnen“: Bei meinem ersten Stadionbesuch an der Hand meines Vaters (KSC vs. Darmstadt 98 im Wildpark) habe ich nicht nur Kahn als KSC-Ersatztorhüter beim Warmspielen gesehen. Früher war auch mehr Fahnenmeer. Zur Fußball-Historie fällt mir ein: John Irvings „Die vierte Hand“ ist ohne Zweifel eine Fortschreibung von Maradonas Einsatz 1986 gegen England. Dagegen haben die Bücher des Verbrecher Verlags nichts mit der FIFA zu tun; die Namensgleichheit ist rein zufällig.

Wer David D. Gilmores „Mythos Mann“ liest, begreift Cristiano Ronaldo. Manchem Spieler, der sich schmerzverzerrt windet, möchte ich mit Brigitte Maria Mayer zurufen: „Der Tod ist ein Irrtum“. Das ist übrigens ein Bildband, der neben einem anderen steht, „Weinende Männer lachen nicht“. Okay, den Titel habe ich mir ausgedacht. Aber haben Sie je ein Spiel ohne Schwalbe gesehen?

Jetzt bleibt mein Blick an den „Whisky-Wallfahrten“ hängen. Der Reiseführer des Priesters Wolfgang F. Rothe erinnert mich an meine Frau. Die hatte mich gebeten, ihr was zu trinken mitzubringen, wenn ich aufstehe. Das Spiel fange nämlich gleich an. Na endlich.

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