Kasan – Neymar schlich als Erster vom Feld – entzaubert, gedemütigt. Brasiliens Superstar wollte nach dem viel zu frühen WM-Aus des Titelfavoriten nur noch weg. Weg vom Friedhof der Weltmeister und all der Kritik, die auf ihn einstürzte. Der Fußballkünstler mit dem Hang zur Schauspielerei schwieg in der Stunde des Scheiterns.
Andere redeten Klartext. „Neymar wird seine Spielweise ändern müssen, so kann man in Zukunft nicht mehr spielen“, kritisierte Ex-Bayern-Profi Zé Roberto seinen Landsmann nach dem 1:2 im Viertelfinale gegen Belgien. „Neymar muss nun sein Verhalten überdenken“, schrieb in seiner Heimat die Zeitung Estado de Minas. Das argentinische Blatt Clarin urteilte knallhart: „Neymar war ein Schatten seiner selbst in der Partie, in der ihn die Selecao am meisten brauchte.“
Mal krümmte er sich nach einem leichten Foul am Boden, dann versuchte er, mit einer dreisten Schwalbe einen Elfmeter zu schinden. Immer wieder diskutierte er mit dem Schiedsrichter. Seine WM-Bilanz fiel mager aus: Zwei Tore und zwei Assists sind okay für seine lange Verletzungspause. Weniger hilfreich waren seine gehäuften Ballverlusten und die falschen Entscheidungen.
Dass seinen gefährlichsten Schuss Torhüter Thibaut Courtois grandios parierte (91.), rundete das Bild ab. Die WM, bei der Neymar aus dem Schatten der Weltfußballer Cristiano Ronaldo und Lionel Messi heraustreten und Brasilien den sechsten WM-Titel schenken sollte, wurde für ihn zu einem Fiasko. In Erinnerung bleibt der schlechte Schauspieler Neymar, nicht der begnadete Fußballer.
„Der Schmerz ist groß, denn wir wussten, wir hätten weiterkommen können, um Geschichte zu schreiben“, schrieb Neymar tags drauf bei Instagram. „Was für eine Horrornacht“, klagte Marcelo. „Es ist wie der Tod eines Nahestehenden“, jammerte der frühere Leverkusen-Profi Renato Augusto. Gabriel Jesus von Manchester City schrieb als erster torloser brasilianischer Mittelstürmer seit 1974 unrühmliche Geschichte – mit nur einem einzigen Torschuss im gesamten Turnier.
Und der vermeintliche Retter des brasilianischen Fußballs? Trainer Tite ließ durchblicken, dass er gerne weitermachen würde – Fürsprecher hat er, trotz des frühen Aus. „Er ist ein Supertyp und verrichtet sensationelle Arbeit, die er fortsetzen muss“, sagte Ex-Stürmerstar Ronaldo. Kapitän Miranda findet: „Professor Tite hat gezeigt, dass er ein großer Trainer ist.“
Trost gab es am Ende sogar vom Papst. Mit einem Lächeln sagte der Argentinier Franziskus am Ende des Angelusgebets in Rom: „Ich sehe brasilianische Fahnen. Hallo an alle Brasilianer. Auf geht’s, es werden auch wieder andere Zeiten kommen!“ sid, dpa