Löwen mit gebrochenen Herzen

von Redaktion

Russland verabschiedet sich von der Heim-WM – die Kroaten wecken Erinnerungen an 1998

Sotschi – Als für Russland kurz vor Mitternacht die WM-Party nach über drei Wochen innerhalb einer Sekunde vorbei war, da verschwand der Mann mit dem markanten Schnauzer in Richtung Kabinengang. Ohne sich umzudrehen und festen Schrittes. Stanislaw Tschertschessow ist ein Platz in der Ruhmeshalle des russischen Fußballs nach dem Viertelfinal-Aus im Elfmeterschießen gegen Kroatien dennoch gewiss. Der Nationalcoach konnte auch von Präsident Wladimir Putin am Telefon nicht getröstet werden. „Wir fühlen uns ein bisschen wie Wehrpflichtige, die früh abgezogen wurden“, klagte er.

„Wir wollten der Heimat noch bis zum 15. Juli dienen“, sagte Tschertschessow in dem ihm eigenen Sprachduktus. An diesem Tag findet in Moskau das Endspiel ohne den Gastgeber statt. Dass die Russen als 70. der FIFA-Weltrangliste und krasser Außenseiter alle Erwartungen übertroffen hatten, machte sie trotz des WM-Ausscheidens stolz. „Unsere Herzen sind gebrochen. Wir haben gekämpft wie die Löwen“, sagte Stürmer Artjom Dsjuba.

Der sichere Flachschuss von Barcelona-Star Ivan Rakitic im fünften Durchgang des Elfmeterschießens brachte die Entscheidung im Fischt-Stadion von Sotschi. „Im Sport gibt es nur einen Pokal. Und wir haben jetzt keine Chance mehr, diesen Pokal zu gewinnen“, sagte der ernüchterte Tschertschessow. „Wir haben das Land auf den Kopf gestellt, das freut uns.“

Putin habe ihn vor und nach dem Spiel kurz angerufen. „Er hat uns für ein großartiges Spiel gratuliert … Aber ich habe ihm gesagt, dass wir enttäuscht sind. Er hat mir geantwortet, dass wir die Augen offen halten und unsere nächsten Schritte machen sollen.“

Der gebürtige Brasilianer Mário Fernandes hatte in der Verlängerung noch den Ausgleich zum 2:2 (115.) geschafft, im Wettschießen vom Punkt aber die Nerven verloren und den Ball neben das Tor gesetzt. „Ich muss mich für den verschossenen Elfmeter entschuldigen“, sagte der Unglücksrabe. Zuvor hatte Denis Tscheryschew mit seinem vierten Turniertreffer das Team von Tschertschessow in Führung gebracht (31.). Der Hoffenheimer Andrej Kramaric (39.) und der Ex-Leverkusener Domagoj Vida (111.) trafen dann für die Kroaten.

Im Achtelfinale hatten die Russen noch Ex-Weltmeister Spanien im Elfmeterschießen ausgeschaltet, auch diesmal rannten die Gastgeber 120 Minuten wie um ihr Leben – bis in Sotschi und in der Fanzone von Moskau auf den Sperlingsbergen oberhalb des Final-Stadions Luschniki die „Rossija, Rossija!“-Rufe verstummten.

„Das ganze Land, ganz Russland, ist verliebt in uns. Sie wissen, was die Nationalmannschaft wert ist“, sagte Tschertschessow, dem nach dem nervenaufreibenden K.o.-Spiel nicht einmal die Krawatte verrutscht war. Der frühere Torhüter von Dynamo Dresden soll Russlands Team nun auch zur EM 2020 führen; der Fußballverband RFS will den Erfolgscoach unbedingt halten. Tschertschessow selbst sagte auf die Frage nach seiner Zukunft: „Wir können nicht vorhersagen, ob ich bleibe oder nicht. Wir müssen alles genau analysieren.“

Beim Sieger weckt der Halbfinaleinzug derweil Erinnerungen an Kroatiens Erfolgsteam von 1998. Und wenn alles glatt läuft, kann es sogar noch einen Schritt weiter gehen als damals. „Es macht uns extrem stolz, dass wir es nach 20 Jahren wieder ins Halbfinale geschafft haben“, sagte Luka Modric am Samstag. Der dritte Platz bei der Weltmeisterschaft in Frankreich motivierte viele der heutigen Stars zu großen Karrieren. „Hoffentlich gehen wir noch einen Schritt weiter als damals. Wir haben alles, was es dazu braucht“, glaubt der Kapitän, der bei der letzten Sternstunde der Kroaten zwölf Jahre alt war.

Dennoch muss im Halbfinale am Mittwoch gegen England eine Steigerung her, um nicht wie die Mannschaft von 1998 um den früheren Torjäger und heutigen Verbandspräsidenten Davor Suker im Halbfinale (1:2 gegen Frankreich) auszuscheiden. Denn im Angriff rumpelte es gegen Russland ordentlich. Laut Modric habe nach den harten letzten Spielen „die Kraft gefehlt“. Ex-Nationaltrainer Slaven Bilic ließ Kritik von außen aber nicht nicht gelten.

„Das ist die K.o.-Phase der WM und nicht das Bolschoi-Theater. Wenn Sie Kunst sehen wollen, dann müssen sie dort hingehen“, sagte Bilic beim englischen TV-Sender ITV. Auch Nationaltrainer Zlatko Dalic sah es ähnlich. „Wer auch immer die Favoriten waren, sie sind jetzt zuhause. Diejenigen, die hart arbeiten, kompakt stehen und gut organisiert sind, weilen noch in Russland.“  dpa/sid

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