Nur eine Frage der Zeit

von Redaktion

Alexander Zverev sagt sich nach Aus in Wimbledon, dass seine Grand-Slam-Bilanz schon noch besser werden wird

Von Doris Henkel

Wimbledon – Ganz Wimbledon liebt den middle Sunday, jenen spielfreien Sonntag, an dem sich nicht nur die Grashalme vom Stress der ersten Woche erholen dürfen. Prinzipiell hätte Alexander Zverev diesen Tag, der die All England Championships auf beste Art in zwei Hälften teilt, gern an Ort und Stelle erlebt. Aber so, wie die Dinge gelaufen waren, hatte er nur noch eines im Sinn: Den Flug nach Hause, nach Monte Carlo. Wenn die anderen im Achtelfinale weiterspielen, dann wird der deutsche Tennis-Star auf einem Boot in der Bucht dümpeln und vielleicht darüber nachdenken, wie blöd sich die Dinge in den letzten vier Wochen entwickelt haben.

Im Grunde genommen hat die Niederlage in der dritten Runde gegen Ernets Gulbis zwei Vorgeschichten, und die erste begann vor ein paar Wochen in Paris. Nach drei Fünfsatzspielen in Folge hatte er sich im Viertelfinale – seinem ersten Viertelfinale bei einem Grand-Slam-Turnier – gegen Dominic Thiem eine Verletzung im linken Oberschenkel zugezogen, die später als 4,5 Zentimeter langer Muskelriss im diagnostiziert wurde. Eine Zeitlang war nicht klar, ob er es überhaupt schaffen würde, bis zum Beginn der Rasensaison wieder fit zu werden. Er landete mit weniger Vorbereitungszeit als geplant auf der Insel, doch als es nach einem souveränen Sieg in der ersten Runde so aussah, als sei das ein Anfang gewesen, auf den er aufbauen könne, passierte das nächste Missgeschick.

Er fing sich einen Magenvirus ein, gewann zwar die Partie in Runde zwei gegen den Amerikaner Taylor Fritz, aber die Nachwirkungen waren auch in der Partie gegen Gulbis noch zu sehen. Am Anfang sei alles in Ordnung gewesen, meinte Zverev hinterher, Mitte des vierten Satzes habe er aber auf einmal das Gefühl gehabt, als habe jemand den Stecker zu seinem Energiespeicher gezogen, und danach habe er keine realistische Chance mehr gehabt.

Dass er prinzipiell Spiele in fünf Sätzen gewinnen kann, hat er in diesem Jahr diverse Male bewiesen. Beim Davis Cup im Februar in Brisbane, dreimal in Paris und einmal in der vergangenen Woche in Wimbledon. Doch diesmal ging es nicht. Gulbis, der mal zu den Top Ten des Tennis gehörte und gerade im zweiten oder dritten Teil seiner Karriere wieder im Aufwind ist, spürte im fünften Satz, wie Zverev müde und müder wurde. Und dass er nicht mehr viel zu befürchten hatte. Hätte Zverev den Tiebreak des ersten Satzes nicht verloren, hätte er eine realistische Chance gehabt, die Partie in drei Sätzen zu gewinnen. Aber in den Tiebreaks verlor er in Wimbledon zu viel Boden, ging er zu großzügig mit seinen Chancen um, und das machte die Sache dann sowohl gegen Fritz als auch gegen Gulbis kompliziert.

„Klar ist das jetzt ’ne Enttäuschung“, gab er nach dem Spiel zu, „aber was soll ich tun? Ich hab ungefähr noch 15 mal Paris zu spielen und 15 Mal Wimbledon, das wird alles noch. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis meine Grand-Slam-Bilanz besser wird.“

Grundsätzlich habe die Niederlage in Paris wegen seiner starken Leistungen zuvor in der Sandplatzsaison in jeder Hinsicht mehr wehgetan als die Niederlage nach der kurzen Vorbereitungszeit in Wimbledon. Am Ende blieben ein paar unbeantwortete Fragen zu einem Diskurs mit einem Linienrichter, der ihn wegen einer Reaktion gemeldet hatte, die im Regelbuch unter dem Stichwort „audible obscenity“ (hörbare Obszönität) verzeichnet ist, und vor allem mit der leicht überheblichen Art, wie er sich dann beim Seitenwechsel beim Schiedsrichter über diesen Linienrichter ausgelassen hatte („was er gesagt hat ist egal, er ist nur ein Linienrichter“).

Auf diese atmosphärische Störung kam es am Ende aber nicht mehr an. Als Wimbledon und alle, die ein wenig Ruhe nach der ersten Woche brauchten, in Gedanken beim Intermezzo des spielfreien Sonntags waren, dachte Alexander Zverev an das Boot in der Bucht von Monte Carlo. Wie seine Bilanz der ersten Hälfte des Jahres aussieht? „Ich bin Nummer drei der Welt im Ranking und im Race, hab einen Masters Titel gewonnen, war bei zwei anderen Masters im Finale und hab mein erstes Viertelfinale beim Grand Slam gespielt.

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