WM-Gespräch mit . . . ROBERT REISINGER

„Sehr freundschaftlich, sehr fein – fast wie 2006“

von Redaktion

-Herr Reisinger, aus der Welt- ist eine Europameisterschaft geworden. Was löst das in Ihnen aus?

Es verwundert mich – weil ich Brasilien schon stärker erwartet hätte. Dass sie dann so unglücklich ausscheiden . . . Mei, passiert. Überhaupt waren die Südamerikaner bei diesem Turnier nicht so stark.

-Wie intensiv verfolgen Sie noch die Spiele?

Ich war in der ersten Woche selbst in Moskau, hab da aber den Schwerpunkt auf die Stadt gelegt. Davor und danach habe ich natürlich viele Spiele gesehen, wie immer.

-Bei den deutschen Gruppenspielen waren Sie aber im Stadion, oder?

Ja, gegen Mexiko und auch in Sotschi gegen Schweden.

-Ihr Eindruck?

Gegen Mexiko hab ich mich erschrocken. Ich find schon, dass sie einiges probiert haben, sie haben nur das Tor nicht getroffen – kennen wir Löwen ja aus ferner Vergangenheit (grinst). Gegen Schweden saß ich dann genau an der Ecke, wo Kroos den Freistoß zum 2:1 getreten hat – das war acht Reihen vor mir. Da war der Jubel groß, am Ende allerdings wertlos.

-Welchen Eindruck hatten oder haben Sie vom Turnier in Russland?

Einen sehr guten. Es war sehr freundschaftlich, sehr fein – fast zu vergleichen mit 2006 in München. Wobei ich auch einen gewissen Kommerz-Überdruss festgestellt habe.

-Woran haben Sie das festgemacht?

Es gab keine langen Schlangen am FIFA-Shop, nicht mal an den Bierständen. Und ich fand auch, dass sehr wenig Deutsche vor Ort waren.

-Welche Nationen waren stärker vertreten?

Alle eigentlich. Sogar bei den deutschen Spielen.

-Führen Sie das auf die gewachsene Distanz zwischen DFB-Team und Basis zurück? Oder auf die tendenziell russlandkritische Haltung der Deutschen?

Letzteres. Und wie gesagt auf den Kommerz. Der Fußballfan, der 90 Minuten für seine Mannschaft da ist und nur zur WM seine Vereinsfarben ablegt, der sieht die Entwicklung schon kritisch. Von diesen Fans lebt allerdings der Fußball in Deutschland.

-Wie beurteilen Sie das Niveau der Spiele?

Unterschiedlich. Es waren Topspiele dabei wie das 3:3 von Spanien und Portugal. Gut, ob das 6:1 der Engländer gegen Panama ein Gradmesser war, weiß ich nicht. Aber sechs Tore musst du auch erst mal schießen. Das Niveau insgesamt ist schon ganz gut, auch das taktische. Man hat deutlich gesehen, dass der Fußball, der noch vor vier Jahren erfolgreich war, bei dieser WM zu nichts geführt hat. Die Spanier mit ihrem Ballbesitzfußball schnell raus, Deutschland noch schneller . . .  Es wird insgesamt wieder mehr auf das Spiel gegen den Ball gesetzt – und auf individuelle Klasse.

-Ist noch eine Nation im Rennen, mit der Sie stärker sympathisieren?

Ich bin ja in Italien aufgewachsen, aber die Italiener durften leider von Haus aus nicht mitfahren. Dann bin ich Deutscher, die sind auch schon daheim. Als Nummer drei favorisiere ich Uruguay, aber die sind auch schon raus. Deswegen ist die WM jetzt für mich beendet.

-Uruguay, weil sie weißblau sind wie 1860?

Genau (lacht). Ich mag aber auch deren Spielweise. Hinten stehen sie knüppelhart – und vorne haben sie immer einen drin, der alles niederwalzt. Das ist doch eine charmante Konstellation.

-Was ist mit Kroatien, wo der Verbands-Chef und und auch der Co-Trainer mal bei 1860 waren?

Davor Suker und Ivica Olic drücke ich natürlich die Daumen. Ansonsten ist deren Fußball aber nicht so mein Ding. Zu ergebnisorientiert, zu wenig leidenschaftlich.

-Und wer wird jetzt am Ende Weltmeister?

Von mir aus Belgien. Die spielen mit Herzblut. Und sie sind auch schwarzrotgold.

Interview: Uli Kellner

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