München – Jean-Marie Pfaff (64) hütete 1986 das Tor, als Belgiens Nationalelf bei der WM in Mexiko erst im Halbfinale am späteren Weltmeister Argentinien scheiterte. Im Interview erläutert der ehemalige Bayern-Schlussmann die Chancen seiner Landsleute heute gegen Frankreich.
-Herr Pfaff, Sie waren beim Sieg über Brasilien im Stadion – was trauen Sie Belgien nun noch zu?
Alles, einfach alles. Sie sind gut drauf. Sie können den Titel schaffen. Das ist unglaublich: Belgien als Weltmeister – wer hätte so etwas gedacht? Aber es ist auch eine logische Entwicklung. Es wurde in Belgien sehr, sehr viel gearbeitet. Wir haben jetzt Weltklassespieler, die über Jahre gewachsen sind. Und gerade gegen Brasilien hat man gesehen, dass sich die Fußballwelt inzwischen gedreht hat.
„Kevin De Bruyne als Weltfußballer? Warum nicht?“
-Wie meinen Sie das?
Sehen Sie solche Spieler wie Neymar: In allen großen Nationen werden solche Spieler immer noch größer gemacht – die wissen am Ende doch gar nicht mehr, wo ihnen der Kopf steht. Neymar ist ein guter Spieler, sicher. Aber bei allem Respekt: Er ist kein Diego Maradona, kein Pele. Brasilien hat früher Samba gespielt – Zico, Socrates, diese Spieler hatten Ideen. Heute sind die Ideen in Europa. Wenn man wie in Brasilien oder auch in anderen großen Fußball-Nationen immer nur von einem Spieler spricht – Argentinien ist ähnlich mit Lionel Messi –, dann ist das nicht gut. Gerade in der heutigen Zeit, wo der Druck so enorm ist. Brasilien kann kein Team sein, wenn sich alles nur um Neymar dreht. Man sieht das auch an einem Willian: Ein sehr guter Spieler, aber dann kommt er in ein Team, das kein Team ist. Dann ist auch er schwach.
Belgien ist ein starkes Kollektiv, ein starkes Team. Sie wollen noch kämpfen, sie wollen was erreichen. Was Belgien so groß macht ist: Wir haben ein Team. Wir sind gemütlich, wir sind nicht prätentiös.
-Sie waren damals ein Teil von Belgiens „goldener Generation“ . . .
. . . und das ist jetzt Belgiens „diamantene Generation“. Man kann das nicht mehr vergleichen. Wir sind damals mit 35 Mann nach Mexiko, heute haben sie einen Tross von 70 Personen, mit Mentaltrainern und eigenen Zahnärzten und was weiß ich noch alles. Wir mussten unsere eigenen Matratzen mitbringen, heute residieren die Spieler in Sterne-Hotels. Das ist der Lauf der Dinge, das ist richtig so, das ist professionell. Jetzt in Russland haben wir in der Gruppenphase mit unserer zweiten Mannschaft gegen England gewonnen – ich denke, das wird auch das Finale werden.
-Gegen Frankreich sitzt in Thierry Henry als Assistent von Trainer Roberto Martinez kurioserweise ein Einflüsterer aus Frankreich auf der Bank der Belgier.
Ja, das ist unsere größte Geheimwaffe. Henry ist mit Trainer Didier Deschamps 1998 Weltmeister und 2000 Europameister geworden, er hat auch Kylian Mbappé schon als ganz junges Talent aufgebaut, als der noch bei AS Monaco gekickt hat und ihn keiner kannte – wir wissen also alles über Frankreich, denn Henry hat zwar zwei Herzen, aber in diesem Spiel wird sein belgisches mehr zählen, weil er professionell genug ist, um in solchen Momenten zu unterscheiden. Vielleicht werden seine Landsleute ihm ein bisschen böse sein, aber er steht ja nicht auf dem Platz.
-Sie wurden 1987 Welttorhüter. Ist Thibaut Courtois sogar noch besser?
Er ist ein sehr guter Torwart. Als Keeper bist du immer abhängig von den Titeln, die dein Team holt. Gewinnt Belgien die WM, werden alle sagen: Courtois war der Beste in Russland. Aber wenn Frankreich oder Kroatien oder sogar England Weltmeister werden, sagen das die Leute dann über die Keeper dort.
-Alles schwärmt von Kevin De Bruyne.
Ich auch. Er ist der wichtigste Mann, gleich gefolgt von Romelu Lukaku und Eden Hazard. Vor Lukaku habe ich den größten Respekt: Er ist im Erfolg immer ein Mensch geblieben, ein netter Junge. Er weiß, wo er herkommt. Wenn er den Ball bekommt, denkt er – anders als andere Stürmer – auch an die Kollegen. Und bei De Bruyne sieht man, wie er in den Jahren gereift ist. Er ist der Kopf der Mannschaft, in jeder Situation. Wenn ich gegen ihn spielen müsste, würde ich es so machen wie früher bei uns gegen Maradona: In der eigenen Hälfte darf er machen, was er will – aber sobald er die Mittellinie übertritt, muss ihm einer auf den Füßen stehen. Er und Lukaku sind Kandidaten für den Goldenen Ball als Weltfußballer. Beide haben diese WM dominiert wie kein anderer.
-Kann ein Belgier auch mal Weltfußballer sein?
Warum nicht? Warum muss es zehn Mal hintereinander Cristiano Ronaldo oder Messi sein? Spieler wie De Bruyne oder Lukaku sind nicht von ihren Mitspielern abhängig – die Mitspieler sind von ihnen abhängig. Weil sie so herausstechende Qualitäten haben. Sie hätten den Titel verdient.
„Bei Deutschland fehlten auf dem Platz die Führungsfiguren“
-Was ist bei der deutschen Mannschaft in Russland schiefgelaufen?
Das ist aus der Ferne schwer zu sagen. Ich denke, alles war eigentlich wie immer gut organisiert. Es gab wohl einige Gründe. Diese Probleme mit Mesut Özil und Ilkay Gündogan waren sicher ein Handicap, aber insgesamt war da kein Charakter auf dem Feld zu sehen, jeder hat irgendwie für sich selber gespielt, jeder sein eigenes Tempo. Wenn sich ein Mats Hummels permanent ins Angriffsspiel einschalten muss, ist das nicht gut. Da war keine Ordnung – Joshua Kimmich ist rechter Verteidiger, hat aber rechter Stürmer gespielt, das geht auf diesem Niveau nicht. Ich habe keinen Typen wie Lothar Matthäus gesehen, auch keinen Philipp Lahm oder Bastian Schweinsteiger. Man hat gut gesehen, was im Vergleich zu 2014 gefehlt hat. Dieses Mal standen da keine Führungsfiguren auf dem Platz.
-Geht es für den deutschen Fußball abwärts?
Nein. Die Qualität ist so hoch, sie werden wieder in die Spur finden. Aber so ein Rückschlag tut auch mal ganz gut. Du musst dich hinterfragen, du musst an Defiziten arbeiten. Ich bin sicher, die Deutschen werden die richtigen Schlüsse ziehen.
Interview: Andreas Werner