DFB in tiefer Krise

Der Sommeralbtraum

von Redaktion

Wer hat nun mehr versagt? Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft während der WM – oder die DFB-Führung danach? Eine klare Antwort lässt sich da kaum noch finden. Denn nach dem peinlichen Auftritt in Russland mühen sich nun die Funktionäre des weltgrößten Sportverbandes nach Kräften, sich noch mehr zu blamieren. Lustig ist das allerdings ganz und gar nicht mehr, denn der einstige Stolz der Nation, der deutsche Fußball, droht nachhaltigen Schaden zu nehmen.

Erinnert sei daran, dass die Nationalmannschaft im Ruf stand, ein beispielhafter Hort der Integrationskraft zu sein. Zeigte sich doch auch Kanzlerin Angela Merkel gerne händeschüttelnd an der Seite des Muster-Deutsch-Türken Mesut Özil. Doch seit der Erdogan-Affäre ist alles anders. Die Pfiffe gegen Ilkay Gündogan im Testspiel gegen Saudi-Arabien waren sozusagen das schrille Startsignal für einen Stimmungsumschwung, dessen besorgniserregende Folgen noch nicht absehbar sind. Im Zentrum der aktuellen Schmähungen steht Mesut Özil. Und wie immer er sich auch nach seinem Urlaub öffentlich äußern wird: Derzeit scheint nur schwer vorstellbar, der Jogi Löws einstiger Lieblingsspieler überhaupt wieder im Nationaltrikot dem tief verstimmten deutschen Publikum präsentierbar sein wird.

Sicher, Özil ist nicht ganz unschuldig, dass er in die Kritik geraten ist. Für einen Anti-Demokraten wie Erdogan Wahlwerbung zu machen, ist inakzeptabel. Aber auch schwere Fehler sollten nicht gleich mit Gnadenlosigkeit abgestraft werden. Zudem steht außer Frage, dass Özil nicht der Alleinverantwortliche für eine miserable Mannschaftsleistung war. Und hier beginnt das große Versagen des DFB: In keiner Phase dieser Diskussion ist es Präsident Reinhard Grindel und den Seinen gelungen, die Dinge in den Griff zu bekommen, die Eskalation zu bremsen. Stattdessen sahen sich sogar Rechtspopulisten ermutigt, die Diskussion um Özil für ihre Interessen zu missbrauchen. Erschreckend unbedarft stellte sich dabei Oliver Bierhoff an, der mit seinen Özil-Aussagen ein Kommunikations-Desaster stiftete – und einer der größten Verlierer ist.

Doch der Fall Özil ist nur ein Teil der Führungsschwäche, die der DFB während dieses Sommeralbtraums offenbarte. Nach dem so frustrierenden Vorrunden-Aus ließen die hohen Funktionäre, zuvorderst Grindel, jede Konsequenz vermissen, um einen Weg aus dem sportlichen Jammertal zu finden. Mit Löw und Bierhoff weiterzumachen, hat viele daran zweifeln lassen, dass beim DFB noch ausreichend Wille und Inspiration für einen glaubwürdigen Neuanfang vorhanden sind. Dass Grindel nun durchblicken lässt, dass es zu „personellen Veränderungen“ nur auf den unteren Ebenen kommen werde, bestätigt den vielfach gehegten Verdacht, der deutsche Fußball werde zunehmend von Hilflosigkeit regiert. Der DFB, daran besteht kein Zweifel, befindet sich inmitten einer tiefen Krise. Und noch ist längst nicht geklärt, wer sie letztlich übersteht.

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