München – Die Angestellten der Bora Lüftungstechnik GmbH in Raubling erschienen gestern – zur Feier des Tages – in einheitlicher Kluft am Arbeitsplatz. Alle trugen ein Gelbes Trikot. Firmenchef Willi Bruckbauer hatte die Textilien seiner Belegschaft spendiert für den Fall, dass den sportiven Bora-Werbeträgern in Frankreich der große Coup gelingen sollte. Am Sonntag war es tatsächlich so weit. Peter Sagan, der dreifache Weltmeister, gewann dank eines gewaltigen Finishs auf der Zielgeraden von La Roche-sur-Yon die zweite Etappe dieser Tour de France – und bescherte dem Bora-hansgrohe-Rennstall das erste Gelbe Trikot seiner Teamgeschichte. „Superwichtig“, sei das gewesen, sagte Manager Ralph Denk, „darauf haben wir immer hingearbeitet.“
Auch speziell für Denk war es ein ganz besonderer Tag. Der 44-jährige Raublinger hatte 2010 den Profi-Rennstall (unter dem Namen „Nett-App“) gegründet. Es war eine Aktion wider den Trend, der deutsche Radsport lag damals nach spektakulären Dopingfällen in Trümmern. Der in Raubling ansässige Rennstall kämpfte sich dennoch Pedaltritt für Pedaltritt an die Weltspitze heran. Seit 2014 ist die Equipe bei der Tour dabei, im vergangenen Jahr errang Sagan den ersten Etappensieg. Und nun also die – vorläufige – Krönung: das berühmteste Trikot des Radsports. „Das ist vielleicht noch höher zu bewerten als Sagans Sieg bei Paris-Roubaix“, sagte Denk. Das Rennen Paris-Roubaix zählt zu den sogenannten Monumenten des Radsports.
Im vergangenen Jahr hatte Sagan die Frankreich-Rundfahrt – unter ziemlich fragwürdigen Umständen – frühzeitig beenden müssen. Nach einem Crash mit Mark Cavendish war der Slowake nach der vierten Etappe disqualifiziert worden. Zu Unrecht – wie auch der Weltverband UCI feststellte und Sagan Monate später rehabilitierte.
Auch am Sonntag hatte es Diskussionen wegen Sagans Fahrstil gegeben. John Degenkolb fühlte sich behindert, sein Team legte – erfolglos – Protest ein. „Wenn man sich die Bilder anschaut, muss man sagen: Das war nicht der Rede wert“, erklärte Denk, „Degenkolb war wohl über seine eigene Leistung enttäuscht.“ Sagan präsentierte sich dagegen in absoluter Topform. Gestützt auf eine starke Mannschaftsleistung, in der Marcus Burghardt eine tragende Rolle spielte, hängte Sagan auch die besten Sprintspezialisten ab. „Das war der pure Wille“, sagte Denk, „wenn Peter sieht, dass er gewinnen kann, ist er in der Lage zusätzliche Kräfte freizusetzen. Das macht eben den Unterschied zwischen einem normalen Rennfahrer und einem Siegertypen aus.“
Die Freude über Gelb währte bei der Bora-hansgrohe-Crew allerdings nur einen Tag. Beim gestrigen Mannschaftszeitfahren über 35,5 Kilometer nach Cholet dominierte das BMC Team mit dem Belgier Greg van Avermaet, der das „Maillot Jaune“ eroberte. Die Raublinger Equipe verlor rund 50 Sekunden, Sagan musste sogar abreißen lassen.
Denk nahm’s jedoch ziemlich gelassen. „Für uns ist das kein Drama. Peter hatte heute nicht seinen besten Tag, das kann passieren.“ Der Teammanager richtete seinen Blick bereits nach vorn. In dieser Woche setzt er vor allem noch auf den fünften und sechsten Tour-Abschnitt: „Diese Etappen sind wie maßgeschneidert für Sagan.“