Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Ich mag meine Kollegen. Doch, wirklich. Die in der eigenen Redaktion sowieso, aber auch die der Mitbewerber auf dem Zeitungsmarkt. Nette, umgängliche Kollegen sind das – im Laufe der Jahre zwar immer jünger geworden, aber insgesamt schwer in Ordnung. Man hilft sich mit Infos, plaudert auch mal privat, spielt gerne den Chauffeur. Zwischenmenschlich könnte es kaum besser sein – was nicht jeder erwarten würde, wenn man uns hier in Kössen so sieht.
Das Trainingslager des TSV 1860 zwingt uns in den verregneten Kaiserwinkel, was dem Anschein nach nur erträglich ist, wenn man den Kollegen in der überschaubaren Gemeinde (4278 Einwohner, viele Wiesen) aus dem Weg geht. Vier Zeitungen, vier maximal entfernte Unterkünfte. Kann man als Außenstehender schon seltsam finden.
Dazu muss man wissen: Anders als die beruflichen Begleiter von Hochglanzklubs ist den Löwen-Reportern dieselbe Bodenständigkeit zueigen, die auch der Giesinger Arbeiterklub gerne für sich beansprucht. Gespräche laufen ja in gewissen Kreisen so ab: Mein Haus, mein Segelschiff, meine Limousine… In 60er-Kreisen ist das Gegenteil ist der Fall. Es gilt das Motto von Rückwärtsversteigerungen: Je billiger und bescheidener, desto besser. Keiner will sich dem Verdacht aussetzen, Verlagsgelder sinnlos zu verpassen – oder sich gar einen faulen Lenz zu machen.
Doch wie das so ist: Alles kommt irgendwann ans Tageslicht. Der ach so bescheidene Kollege E. postet zwar seinen Supersparpreis, darf sich aber am Abend auf eine schöne Biosauna freuen. Die angebliche Dreisterne-Unterkunft des Kollegen F. wartet völlig überraschend mit einem XXL-Balkonzimmer auf. Eine Kollegin wohnt gar am Walchsee – in der ersten Reihe! Fast kommt es mir vor, als würden einige nur deshalb der Tiefstapelei frönen, um hinterher ungestört den Blick auf den Wilden Kaiser zu genießen.
Sollen sie doch. Der Wettbewerb „Wer wohnt am bescheidensten?“ kann eh nur einen Gewinner haben: mich. Da zum Zeitpunkt meiner Anfrage sämtliche Hotels ausgebucht waren, sah ich mich gezwungen, auf eine sog. B&B-Unterkunft auszuweichen. Luxuszimmer nennt sich die, ist auch tiptop sauber, aber: Bad übern Flur, nix Wellness – und schon gar keine inkludierte Halbpension. Gerne würde ich die Kollegen zur Besichtigung einladen, doch für vier Leite, so leid’s mir tut, ist das Zimmer zu klein. uli kellner