Siege für den verstorbenen Freund

von Redaktion

Kroatiens Elfmeter-Held Danijel Subasic war einst Teil einer Tragödie, die ihn bis heute antreibt

München – Bis heute fällt es Danijel Subasic schwer, darüber zu sprechen. Will jemand, wie kürzlich ein Journalist auf der Pressekonferenz der kroatischen Nationalmannschaft, etwas über den Tod seines früheren Freundes Hrvoje Custic wissen, versagt ihm die Stimme. Subasic, der selbstbewusste, 1,91 Meter große Torwart-Hüne, beginnt dann zu stammeln, Tränen rennen über sein Gesicht. Zu groß ist der Schmerz – auch noch nach zehn Jahren.

Subasic und Custic liefen 2008 gemeinsam für den NK Zadar in der ersten kroatischen Liga auf. Im Spiel gegen HNK Cibalia spielte Subasic einen Abschlag auf seinen Freund. Der geriet daraufhin in einen Zweikampf, stürzte und krachte mit seinem Kopf gegen eine Betonmauer am Spielfeldrand. Custic erlitt schwere Verletzungen. Er starb vier Tage nach dem Unfall an einer Infektion, die er sich im Krankenhaus eingefangen hatte.

Und auch wenn sonst niemand auf die Idee käme, Subasic für die Tragödie von damals verantwortlich zu machen – er selbst tat es. Was wäre passiert, wenn er den Abschlag nicht zu Custic, sondern auf die andere Seite des Platzes gespielt hätte? Wäre sein Freund dann noch am Leben? Fragen wie diese quälten Subasic seither.

Bei der WM in Russland trägt er Custic ganz nah bei sich. Nachdem Subasic im Achtelfinale gegen Dänemark drei Elfmeter pariert hat und zum kroatischen Helden aufgestiegen ist, zieht er sein Trikot nach oben. Darunter kommt ein T-Shirt zum Vorschein, auf dem ein Bild von Custic gedruckt ist. Darüber steht geschrieben: „Forever“ – Für immer.

Der Gedanke an seinen früheren Weggefährten treibt Subasic an. Jeden Sieg auf dem Weg zum Titel-Traum widmet er Custic. Vielleicht wäre der ja jetzt auch Teil der so furios aufspielenden kroatischen Mannschaft, wenn alles anders gelaufen wäre. Damals, 2008 in Zadar. Aber wer weiß das schon.

Aufgeben ist auf jeden Fall keine Option für Subasic. Das bewies er im Viertelfinale gegen Russland auf eindrucksvolle Art. Bei dem Versuch, eine Ecke des Gegners zu verhindern, hechtete „Suba“, wie ihn seine Mitspieler nennen, einem Ball hinterher. Mit Erfolg. Doch bei der Aktion fuhr ihm der Schmerz in den rechten Oberschenkel. Subasic konnte kaum noch laufen, Ersatztorwart Lovre Kalinic stand schon zur Einwechslung bereit. Als jedoch kurz darauf wegen einer Verletzung von Abwehrspieler Sime Vrsaljko das Wechselkontingent aufgebraucht war, musste Subasic durchalten – und stieg wenig später zum erst zweiten Torhüter auf, der bei einer Weltmeisterschaft vier Elfmeter gehalten hat.

Solche Leistungen wecken Begehrlichkeiten. Serbische Medien berichteten vor dem heutigen Halbfinale gegen England dass Subasic’ Vater Serbe sei – und er folglich für das „falsche“ Land auflaufe. Sticheleien zwischen zwei stolzen Nationen, die an dem Torhüter abprallen. „Kroatien ist meine Heimat, Zadar meine Stadt“, sagt er lediglich. Wirklich wichtig sind ihm andere Dinge. Wie etwa das Andenken an seinen Freund Hrvoje Custic. Er nennt ihn nur: „Engel“. simon nutzinger

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