Hilfe! Ich fühle mich ertappt, denn ich gerate zunehmend in Erklärungsnot. Es geht um meine aktuelle WM-Liebe namens Kroatien, die Argwohn weckt im Freundeskreis, bei den Kollegen, in der Familie. Du warst doch früher nicht so emotional, wenn es um Kroatien ging, höre ich immer häufiger. Die Wahrheit ist leider unangenehm, fast schäme ich mich, denn es gibt kaum eine Sache, die einen schlechteren Ruf hat. Es geht um Sportwetten.
Ja, ich gebe es zu. Ich hab mich verleiten lassen. Kennt man ja, dass nicht alle Werbemails im Spam-Ordner landen. In einer schwachen Stunde hab ich eine geöffnet, was von einem 5-Euro-Bonus gelesen, dazu ein paar Wettquoten, den Ausgang dieser WM betreffend. Denkbar ist, dass ich vor meiner Tat einen deprimierenden Blick aufs Konto geworfen hatte, jedenfalls war ich für diesen einen Moment empfänglich für lasterhaftes Verhalten. Durch eine kinderleichte Multiplikationsübung ist eine Summe entstanden, die reizvoll erschien. Bei den Kroaten, denen die Buchmacher nicht zutrauten, Weltmeister zu werden – und eine 29er-Quote anboten.
So fing das also an – und so kam es, dass die Mitmenschen mein Verhalten mit jeder WM-Runde rätselhafter fanden. Beim 3:0 Kroatiens gegen Argentinien konnte ich das noch gut vertuschen – mein Faible für Underdogs ist bekannt. Schwieriger wurde es, als ich zu auffällig gegen die allseits beliebten Isländer jubelte. Und jetzt – nach zwei glanzlosen Siegen im Elferschießen – habe ich endgültig keine Argumente mehr, um meine Kroatien-Schwärmerei zu rechtfertigen. Das rotweiß-karierte Trikot? Du stehst doch auf Weißblau, heißt es dann. Der schöne Segeltörn in Süddalmatien – endete mit einem Kniescheibenbruch. Selbst wenn ich die kroatische Küche anpreise, heißt es nur: Und warum gehen wir dann nie zum Kroaten?
Wie man’s auch dreht und wendet: Man nimmt mir meine plötzliche Kroatien-Leidenschaft nicht ab, doch ich muss das jetzt durchziehen. Schon der Kinder wegen. Zuzugeben, dass eine Wette dahinter steckt, wäre ein pädagogisches Eigentor. Wie oft habe ich schließlich erklärt, dass das ganz, ganz schlimm und gefährlich ist, was Betfriend und Co. rund um jede Fußballübertragung anpreisen. Längst ist meine Wette keine lässige Verdienstoption mehr, sondern eine psychische Belastung. Aber vielleicht folgt heute ja Erlösung in Form einer Niederlage. Ich hätte dann zwar fünf Euro in den Wind geschossen, wäre aber wieder ein freier Mensch, der sich im Finale wie ein ganz neutraler Zuschauer benehmen kann. Uli Kellner