München – Selbst Ötzi wurde aus seinem eisigen Grab mit Tattoos geborgen. Ganze 61 Motive wurden an ihm gezählt, lange galt der Mann aus der Gletscherwelt als ältester Tätowierter der Menschheitsgeschichte. Doch dieses Jahr wurden in Gebelein/Ägypten zwei maximal 5351 Jahre alte Mumien gefunden, auf deren Haut ebenfalls Verzierungen nachgewiesen wurden. Fest steht: die Sitte, sich Motive in die Haut zu stechen, ist bei den verschiedensten Völkern der Erde selbstständig und unabhängig entwickelt worden. Frühzeitig. Warum also sollte sie nicht unter Profifußballern weit verbreitet sein?
So eine WM ist auch immer ein Laufsteg. Und bei manchem kickenden Kunstwerk geht der Körperkult bemerkenswert tief unter die Haut. Als Trendsetter darf sich, wie so oft in dieser Szene, David Beckham rühmen. Der frühere Top-Star der Engländer machte das Tattoo endgültig salonfähig, bei ihm nahm die Sache Züge einer Sucht an, wie er später zugab. Doch auch bei Spielern wie Arturo Vidal fällt es schwer, noch eine freie Stelle Haut zu finden. Der Chilene, der bei der WM
nur zuschaut, präsentierte im Februar seinen vollständig bedeckten Rücken („endlich fertig“, lautete sein Kommentar, er hatte sich etappenweise unter die Nadel gelegt), zudem prangt seit der Rückrunde auf seinem linken Oberschenkel ein brüllender Löwe, der eine Krone trägt, dazu Vidals Nr. 23 und der Schriftzug „King“, König. Zeugt von gesundem Selbstbewusstsein.
Der Löwe ist ein oft gewähltes Symbol unter Fußballern. Auch Marco Reus trägt einen, das Tier ist ein Symbol der Unbezwingbarkeit und soll Kraft geben, lautet die generelle Erklärung. Ebenfalls beliebt: religiöse Motive. Heiligenfiguren, Bibelzitate. Zwischen Kreuzen und metaphysischen Symbolen lassen sich auf der Haut der Stars auch oft die gewonnenen Pokale finden. Nach
Mir kann keiner was. Erkaufte Rebellion.
einschneidenden Erlebnissen, so erklärt es die Ethnologie, entscheiden sich Menschen gerne, das Ereignis festzuhalten. Die Geburt eines Kindes ist eine ähnliche Kategorie wie ein WM-Sieg. Marius Wolf von Eintracht Frankfurt ließ sich neulich nach dem Pokalsieg über Bayern ein Kunstwerk ins Schienbein stanzen, das ihn ewig an den Coup erinnern soll.
Persönliche Erfolge in dieser Form zu zelebrieren, ist im Übrigen keine allein auf den Fußball zu reduzierende Übersprungshandlung: Auch Olympioniken tragen nach ihren Teilnahmen an den Spielen oft die berühmten Ringe auf der Haut. Bei den kickenden Kunstwerken ist allerdings festzustellen, dass die Motive großflächiger ausfallen. Beinahe wie Gemälde. Aus ethnologischem Ansatz ist das nur logisch: Die Tattoos dienen in diesem Fall als Statussymbole, denn im Fußball ist das ökonomische Kapital viel ausgeprägter als in anderen Sportarten. Die Stars von Real Madrid, Chelsea oder Manchester haben Geld, das möchten sie zeigen. Mein Haus, mein Auto, mein Tattoo. Wer sich großflächig tätowieren lassen kann, zeigt: er kann es sich leisten. Monetär und auch, weil er sich als unabhängig sieht. Ganz nach dem Motto: Mir kann keiner was. Erkaufte Rebellion.
Obwohl Tattoos meist ein Gruppengefühl erzeugen, können sie auch entzweien – was gerade im Mannschaftssport ein Problem sein kann. Als sich Leroy Sané den Rücken mit einem riesigen Selbstbildnis zerstoch, waren seine Kollegen bei Manchester City irritiert: Er hatte sich den Moment ausgesucht, als er gegen den AS Monaco getroffen hatte. Das Tor ist jedoch keines für die Historie. ManCity war ausgeschieden.
Mediziner warnen: Reha-Zeiten leiden
Dass Sané von Joachim Löw vor der WM aussortiert wurde, mag auch ein Zeichen dafür sein, dass der 22-Jährige seinen Platz in der Fußballwelt erst noch finden muss.
Manche Motive irritieren nicht nur die Kollegen. Als Rahem Sterling plötzlich mit einem Sturmgewehr auf der Wade auflief, rief das die Anti-Waffen-Protestler auf den Plan. Der britische WM-Star erklärte sich so: Als er zwei Jahre alt war, war sein Vater erschossen worden. Das Bild illustriere seinen Schwur, nie im Leben eine Waffe anzufassen. Sein einziges Gewehr sei sein rechtes Bein. Nunja.
Neymar trägt seine Familie mit sich, der Kolumbianer James vom FC Bayern küsst nach jedem Tor das Tattoo auf seinem rechten Unterarm, den Namen seiner Tochter Salome. Unter den Münchner Profis sind Motive auf der Haut ebenfalls weit verbreitet; neben Vidal und James sticht Jerome Boateng hervor; unter anderem prangt sein zweiter Vorname Agyenim auf seinem Arm, dazu eine sich in Wasser auflösende Uhr und Maori-Symbole. Beim TSV 1860 ließ sich Sascha Mölders das Club-Emblem auf den Körper meißeln, unvergessen ist in diesem Zusammenhang auch Markus Babbel, der sich einst von jedem seiner Vereine ein Wappen in die Haut ritzen ließ.
Ob das alles wirklich gut ist, bezweifeln nicht wenige Mediziner. Diverse Studien belegen: Zwei Drittel der Farbe bleiben nicht in der Haut, sondern wandern in die Blutbahn. Darunter leidet die Regeneration. Zudem kann die Fähigkeit, zu schwitzen, beeinträchtigt sein, genauso die Regulation der Körpertemperatur. Bei Ötzi hingegen gehen die Forscher davon aus, dass einige seiner mit Kohlepulver gefärbten 61 Tattoos medizinische Zwecke hatten, da sie sich an auffälligen Stellen wie den Handgelenken, der Achillesferse, an Knie oder Brustkorb befanden. Die Gletschermumie könnte mit einer Schmerztherapie, eventuell einer Art Akupunktur, Schmerzen betäubt haben.
Portugals Top-Star Cristiano Ronaldo von Real Madrid, ansonsten nicht gerade von Narzissmus freizusprechen, trägt übrigens die Haut unversehrt. Weil man mit Tattoos nicht mehr Blutspenden darf, ist seine Begründung.