Wimbledon – Wie lange man im Buch der Geschichte Wimbledons blättern muss, um die Namen von zwei deutschen Spielerinnen im Halbfinale der Championships zu finden? Nun, deutlich länger, als es dauert, im All England Club eine Portion Erdbeeren mit Sahne zu bestellen und eine Flasche Schampus zu öffnen. Eine ganze Weile vergeht, bis man beim Jahr 1931 und bei den Damen Cilly Aussem und Hilde Krahwinkel landet. Deren Nachfolgerinnen stecken nicht mehr in hochgeschlossenen Kleidern, und sie behaupten sich mit anderen Schlägern und anderen Schlägen, aber die Anzahl der vergangenen Jahrzehnte zeigt, dass sich nun wieder höchst bemerkenswerte Dinge im deutschen Frauentennis tun. Angelique Kerber und Julia Görges spielen morgen um die Chance, zwei Tage später den Titel des wichtigsten Tennisturniers der Welt zu gewinnen. Das ist eine Nachricht, für die eine Flasche Schampus nicht reicht.
Kerber landete mit dem siebten Matchball gegen die junge Russin Daria Kasatkina im Halbfinale (6:3, 7:5) gegen eine genauso junge Lettin, Jelena Ostapenko, die Siegerin der French Open 2017. Julia Görges brauchte einen Satz mehr zum Sieg gegen Kiki Bertens aus den Niederlanden (3:6, 7:5, 6:1), ebenso wie ihre nächste Gegnerin, die nicht ganz unbekannte Serena Williams. Kerber kennt sich mit Spielen im letzten Stadium eines Turniers vor allem aus ihrem großen Jahr 2016 aus, und das war ganz sicher eine Hilfe. Es wäre nicht schwer gewesen, in der letzten Viertelstunde der Partie gegen Kasatkina die Nerven zu verlieren, bei sieben Matchbällen in 16 Punkten.
Es ist eine Sache, das Ziel mit einem oder zwei Versuchen nicht zu erreichen, aber mit jedem weiteren steigt die Nervosität mehr. Der vierte und fünfte Matchball tauchte auf und verschwand, sie spielte unbeirrt weiter und erzwang den sechsten mit einem sensationellen Ballwechsel, der die 15 000 Zuschauer vor Begeisterung fast aus den Sitzen hob. Kasatkina zeigte vor allem in dieser Phase, weshalb sie als eine der schillerndsten Figuren des Frauentennis gilt mit ihrem frechen Spiel, der Mischung von Tempo und Finesse und vor allem ihrem Lieblingsschlag, dem eingesprungenen Rückhand-Stopp in bester Flo-Mayer-Manier.
Was den beiden in diesen Momenten durch den Kopf ging? Gar nichts, meinte die Russin. „Ich hatte keinen Stress, ich hatte keine Angst, ich hab einfach alles versucht. Genau das ist der Schlüssel, um große Spiele zu gewinnen.“ Und Kerber? Sie bemühte sich, positiv zu bleiben in dieser kritischen Phase. „Ich hab versucht zu akzeptieren, wie gut sie spielt.“ Das war eine Herausforderung in einer Phase, in der jeder das Gefühl hatte: Wenn sie diesen zweiten Satz verliert, kann es verdammt gefährlich werden.
Doch mit Matchball Nummer sieben endete die Partie. So landete die Finalistin des Jahres 2016 zum dritten Mal in sechs Jahren in Wimbledon im Halbfinale. Und sie hält wenig von der These, da sie nun die höchstgesetzte Spielerin in der Runde der letzten Vier sei, müsste man sie als Favoritin betrachten: „Es gibt jetzt keine Favoriten mehr.“
Das sieht Julia Görges nicht anders. Nachdem sie am Tag zuvor zum ersten Mal in ihrer Karriere das Viertelfinale eines Grand-Slam-Turniers erreicht hatte, zeigte sie auch gegen Kiki Bertens, warum sie nach vielen Jahren der Enttäuschungen in Wimbledon nun auch im Spiel auf Rasen zuhause ist. Nach dem Verlust des ersten Satzes kämpfte sie weiter engagiert um ihre Chance, erzwang ein frühes Break zu Beginn des zweiten, und danach spielte sie immer besser, zwingender und überzeugender. Am Ende gab es nicht mehr viel, was Bertens noch tun konnte.
Görges brauchte nur einen Matchball zum Sieg, danach stand sie ein paar Momente lang da, als könne sie das alles nicht fassen. Doch bis zum Spiel morgen gegen Serena Williams wird sie sich sortiert haben. Zwei deutsche Frauen im Halbfinale eines Grand-Slam-Turniers, das gab es in der Zeit des Profitennis bisher nur zweimal, 1990 bei den Australian Open (Steffi Graf und Claudia Porwik) und drei Jahre später bei den French Open in Paris mit Graf und Anke Huber, die dann gegeneinander spielten. Und wie die Sache mit Cilly Aussem und Hilde Krahwinkel anno ‘31 ausging? Nun, die landeten beide im Finale.