Barfuß durch den Kohlenbach

von Redaktion

Nicht wundern, ich gehöre jetzt auch zur Fraktion der Permanent-Flipflopträger. Doch, man gewöhnt sich recht schnell dran, es ist nur am Anfang ein bisschen anstrengend, die irritierten Blicke der Mitmenschen zu ignorieren – an der Supermarktkasse, beim Interview oder abends im Gasthaus. Aber: Für den Fuß kann es ja nur gut sein, wenn er mal ganztägig die frische Tiroler Bergluft spürt. Und nicht in einem triefnassen Sneaker stecken muss.

Sie ahnen es: Der plötzliche Wandel, die Fußmode betreffend, ist nicht ganz freiwillig geschehen. Eine Teilschuld trägt der Kohlenbach, der aus Schwendt kommend am Ortsausgang von Kössen in die Großache mündet, es sich vorher aber nicht nehmen lässt, Grenzbarriere zu spielen zwischen Ortskern und Trainingszentrum. Zwei Brücken gibt es in Kössen, eine für den Autoverkehr, eine für die Fußgänger, dummerweise ist aber keine von beiden zur Stelle, wenn man sie braucht – im zu schildernden Fall fünf Minuten vor einem Gesprächstermin. Also, dachten sich Kollege E. und ich, am Parkplatz vom „Hofer“ stehend, das Stadion vor Augen: Raus aus den Schuhen, rein ins flache Bachbett. Lieber eine kurze Kneipp-Kur als lange außenrum laufen und dann unpünktlich sein.

Über ein paar Steine war ich ruckzuck drüben – noch ehe sich Eiszapfen an den Zehen bilden konnten. Der Kollege hatte nicht ganz so viel Glück. Ein Drittel der hochgekrempelten Hose war verdächtig dunkelblau, als wir das gewünschte Ufer erreicht hatten. Die Nässe dürften ihn aber ebenso wenig gestört haben wie das bisschen Häme, das ein guter Kollege aushalten muss. Doch schon am Rückweg rächte sich das. Fast war ich drüben, dann plumps – holte sich der Kohlenbach den rechten Sneaker und legte die Nachlässigkeit meines Packverhaltens offen: Obwohl nur für drei Tage in Kössen eingebucht, hätte ein zweites Paar feste Schuhe gewiss nicht geschadet.

Aber: Dafür gibt es ja die Badeschlappe, die ohnehin in den letzten Jahren salonfähig geworden ist. Einer der Allesfahrer hat sogar ein Exemplar mit Löwenlogo. Ich jedenfalls will nicht klagen: Den ersten Tag „unten ohne“ hab ich ohne Erkältung überstanden, und seit gestern bin ich ohnehin sehr demütig, was das Thema Kössen und Wasser angeht. Mit schockierenden Fotos auf dem Tablet hat meine Zimmerwirtin an die Sintflut 2013 erinnert, als halb Kössen unter Wasser stand. Daran werde ich denken, wenn ich heute wieder zum Trainingsplatz gehe, den Weg über die Fußgängerbrücke wähle und all die Häuser passiere, die nur deshalb so neu aussehen, weil den Leuten das Wasser damals buchstäblich bis zum Halse stand. Uli Kellner

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