Tennis in Wimbledon

Der König verlässt sein Reich

von Redaktion

VON DORIS HENKEL

Wimbledon – Es sah so aus, als habe er alles im Griff. In weniger als einer halben Stunde den ersten Satz gewonnen, im Tiebreak den zweiten, einen Matchball im zehn Spiel des dritten herausgespielt. Zu diesem Zeitpunkt waren die Geschichten zu Roger Federers 96. Sieg in Wimbledon auf dem Weg zum neunten Titel fast schon geschrieben.

Was dann passierte? Der Meister selbst meinte später, er habe keine Ahnung, wann genau er die Kontrolle über dieses Viertelfinale gegen Kevin Anderson verloren habe. Am Ende stand auf der einen Seite Federers Niederlage in fünf Sätzen, auf der anderen stand in ganz großen Lettern die Leistung des Siegers aus Südafrika, der es schaffte, selbst in scheinbar aussichtsloser Lage den Mut nicht sinken zu lassen und den erfolgreichsten Rasenspieler der Geschichte des Tennis zu besiegen. „Es war ein super Auftritt von ihm, wie er das Match noch gedreht hat“, fand Federer, „mental sehr, sehr stark.“

Bei der Frage nach den Gründen für dessen Niederlage (6:2, 7:6, 5:7, 4:6, 11:13) in mehr als vier Stunden kommt man nicht an Andersons Namen vorbei. Der zwei-Meter-Mann aus Südafrika schlug nicht nur wie fast immer extrem gut auf (26 Asse), er setzte Federer auch mit seinen Returns gewaltig unter Druck, und es sah nie so aus, als verliere er irgendwann die Übersicht oder den Glauben an seine Chance. Federer meinte hinterher, es sei für Anderson sicher eine Hilfe gewesen, dass der schon bei den US Open im vergangenen Jahr stark gespielt und das Finale erreicht habe. Und damit hatte er wohl Recht.

Die Erfahrung von den US Open habe einen unschätzbaren Wert gehabt, bestätigte der Sieger. Das sei damals alles neu und aufregend für ihn gewesen, deshalb habe er dann auch im Finale gegen Rafael Nadal dann auch keine Chance mehr gehabt. „Ich war froh und erleichtert, überhaupt im Finale gelandet zu sein. Hier bin ich dagegen mit der Erwartung ins Viertelfinale gegangen, dass ich weitermachen werde wie bisher“.

Das Finale in New York seinerzeit war Andersons größter Erfolg einer Karriere gewesen, die langsam in Schwung gekommen war. Seit Frühjahr 2018 gehört er konstant zu den Top Ten, und dass er mit seinen Aufschlägen und seiner Reichweite auf Rasen einiges Unheil ausrichten kann, überrascht nicht wirklich. Überraschend hingegen war, dass Roger Federer nach einer Führung von 2:0 Sätzen am Ende als Verlierer vom Platz ging. Und von einem anderem Platz als normalerweise. Zum ersten Mal seit 2015 spielte der Schweizer nicht auf dem Centre Court, sondern auf Court No. 1. Das, so meinte er später, habe allerdings keine Rolle gespielt. Die Sache mit der vergebenen Führung gab ihm mehr zu denken. Ein Spiel nach 2:0 Sätzen noch zu verlieren, das war ihm zuvor nur viermal in seiner Karriere passiert, zuletzt 2011 in Wimbledon im Viertelfinale gegen Jo-Wilfried Tsonga und ein paar Wochen später bei den US Open im Halbfinale gegen Novak Djokovic. „Manchmal rinnt dir ein Match einfach durch die Finger“, meinte er dazu, „und das sind die ganz harten Niederlagen.“

Hatte er ein Problem während der Partie, fühlte er sich müde? Nein, sagte er, nichts dergleichen. Keine Frage, diese Niederlage im Viertelfinale der Championships traf ihn wie ein Fausthieb in den Magen, aber bei aller Enttäuschung bewahrte er sich noch einen Hauch von Ironie. Als jemand fragte, ob er nun ein Gefühl von unerledigter Arbeit mit nach Hause nehme und ob er wegen dieses Gefühls im kommenden Jahr auf jeden Fall wiederkommen werde, meinte er, der Plan sei auf jeden Fall, auch 2019 in Wimbledon zu spielen. „Aber ich würde das Ganze angesichts meiner Vergangenheit hier nicht ‚unerledigte Arbeit’ nennen.“

Doch es bleibt dabei, dass Wimbledon weiter auf die nächste Begegnung zwischen Roger Federer und Rafael Nadal warten muss. Die letzte liegt zehn Jahre zurück, jene legendäre Partie, die der Spanier in der Dämmerung in fünf Sätzen gewann. Die Fans in Wimbledon und drumherum hatten gehofft, es könne vielleicht eine Fortsetzung geben, doch aus dieser goldenen Hoffnung wurde nichts.

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