Didier Deschamps hat einst als Spieler den eisern disziplinierten Musterprofi verkörpert. Als defensiver Mittelfeldstratege verrichtete er selbst- und schnörkellose Fleißarbeit, rackerte unentwegt, war bei Bedarf auch mal der Mann fürs Grobe. Die Franzosen hatten zwar mit Zinedine Zidane den damals weltbesten Fußballer in ihren Reihen (und noch einige exzellente Techniker mehr), doch es war Des-champs, der den so nüchternen Stil der Franzosen prägte. Die Equipe Tricolore strahlte bei der WM 1998 sicher keinen großen Glanz aus, dafür errang sie den bis heute einzigen WM-Titel für Frankreich.
Zwanzig Jahre später scheinen sich die Dinge zu wiederholen. Wie 1998 verfügt Frankreich über spielerisch hochbegabtes Personal, doch wieder dominiert die bedingungslos dem Erfolg untergeordnete Taktik. Gezaubert haben die Blauen nur im Achtelfinale gegen Argentinien (4:3), ansonsten ließen sie ihr großes Potenzial, ihre Befähigung zum Offensivspektakel nur selten aufblitzen. Stattdessen setzten sie auf ein dichtmaschiges Defensivsystem, auf das akribische, zähe Verwalten von knappen Vorsprüngen. Deschamps verwandelte seine Künstler in bieder anmutende Arbeiter. Und wie 1998 haben es die Franzosen damit ins Finale geschafft.
Nun, es stimmt schon: Im Profifußball heiligt meist der Zweck die Mittel. Und was nützt es schon, bei einer WM mit Glanz und Gloria auszuscheiden. So wie das den Brasilianern schon einige Male passiert ist (Frankreich übrigens auch). Allerdings sind auch die Belgier zu verstehen, die nach ihrem 0:1 im Halbfinale die französischen Spielzerstörer anprangerten und sie des Anti-Fußballs bezichtigten. Die Belgier waren bis zu ihrem unglücklichen Aus am schwungvollsten aufgetreten, hatten dank ihres filigranen Offensiv-Konzepts die meisten Tore geschossen. Nun scheiterten Hazard, de Bruyne und Co. an Frankreichs Abwehrbeton.
Das ist natürlich bitter. Nicht nur für die Belgier. Sondern auch für den Fußball. Denn dieser blieb irgendwie auf der Strecke. Und blickt man auf die nun schon über 60 WM-Partien zurück, dann fällt auf, dass die meisten Spiele von der Spannung lebten – und nicht von ihrer Qualität. Das Hauptaugenmerk wurde überwiegend darauf gelegt, dem gegnerischen Spielfluss einen Abwehrriegel vorzuschieben. Das Team von Deschamps hat in dieser Hinsicht die größte Cleverness entwickelt. Es steht zu befürchten, dass sich die französische Sachlichkeit stilbildend auswirkt.