Kössen – Wie heißt es so schön? Man wächst mit seinen Aufgaben. Sagt man sich auch beim Drittliga-Neuling TSV 1860, der in den Tagen von Kössen zwei Gegner herausfordert, die sich ebenfalls in den Tiroler Alpen auf ambitionierte Aufgaben vorbereiten. Heute geht es gegen den jungen russischen Club FK Ufa (erst 2010 gegründet), dem noch wenige Schritte zur Teilnahme an der Europa League fehlen. Am Samstag heißt der Prüfstein Istanbul Basaksehir, Vorjahresdritter in der Türkei und Starter in der Quali zur Champions League (jeweils 18 Uhr).
Da trifft es sich gut, dass auch die Löwen einen Spieler dazugewonnen haben, der schon einmal in den europäischen Fußball hineinschnuppern durfte: Simon Lorenz, 21, Abwehrleihgabe vom Zweitligisten VfL Bochum, ausgebildet bei 1899 Hoffenheim, wo er zum Abschied noch einen emotionalen Höhepunkt erlebte: 90 Minuten Europa League gegen Ludogorez Rasgrad. Die damals kriselnde TSG hatte im Dezember keine Chance mehr weiterzukommen, weswegen Julia Nagelsmann elf Spieler aus der zweiten Reihe aufbot.
Lorenz, der die Berufung dennoch als Ehre empfand, erinnert sich noch genau: „Es war für mich ein geiles Erlebnis, mal auf so einer Bühne zu spielen.“ Auch an seinen inzwischen berühmten Trainer denkt er gerne zurück: „Ich hatte Julian Nagelsmann dreieinhalb Jahre. Sein Training ist brutal vielfältig, sogar für den Kopf. Fußballerisch anspruchsvoll, komplizierte Übungen. Er kann auch in allen Bereichen Tipps geben.“
Den Löwen zum Beispiel hat er den Tipp gegeben, diesen jungen Lorenz zu verpflichten, der drohte, in Bochum auf der Bank zu versauern. So zumindest schildert es Günther Gorenzel. „Wir haben uns ausgetauscht“, berichtet der 1860-Sportchef und schwärmt: „Man sieht bei Simon, dass er diese Hoffenheim-DNA hat. Er ist athletisch brutal stark, im Umschaltspiel, im Vorwärtsverteidigen. Das ist die alte Ralf-Rangnick-Schule. Wir haben ihn für ein Jahr ausgeliehen, mehr war nicht machbar.“
Machbar war die Ausleihe auch nur, weil Lorenz beim VfL nicht über den Status des Reservisten hinausgekommen ist. Ohne eigenes Verschulden, wie er glaubhaft versichert. In seinem letzten Training für Hoffenheim zog er sich einen Anriss des Syndesmosebandes zu. Zwei Monate später war das Band zwar wieder heil, nicht aber der Bochumer Betriebsfrieden: „Trainer neu, Sportdirektor neu. Wir standen dann auch unten drin. Und als es wieder gut lief, gab es nicht viel Grund, was zu verändern.“
Daher musste Lorenz nicht lange nachdenken, als vor zwei Wochen die Anfrage aus München kam. Dass er bei 1860 einen der beiden Kapitäne (Felix Weber, Jan Mauersberger) verdrängen muss, um zu spielen, schreckt ihn nicht: „Ich denke, dass keiner gesetzt ist. So wurde es mir kommuniziert. Und wenn ich meine Leistung bringe, habe ich immer den Anspruch zu spielen.“ Die Hoffenheim-DNA lässt grüßen. An Selbstbewusstsein scheint es dem jungen Nagelsmann-Schüler jedenfalls nicht zu mangeln.