Wie lautet noch so schön der hehre Grundsatz, der im Sport über allem steht? „Der Beste soll gewinnen!“ Nun gut, mag unter britischen Gentlemen ja Konsens sein. Aber gerade jetzt bei der WM hat doch (fast) jeder gespürt, wie sehr wir uns von Leidenschaft und Emotionen dazu hinreißen lassen, unseren Sympathien und Antipathien hemmungslos freien Lauf zu lassen. Die Gründe für unsere Präferenzen sind dann häufig höchst subjektiv – im Stile von: Liebe zum französischen Wein, freundliche belgische Nachbarsfamilie, (geheimer) Fan des britischen Königshauses und von Prinzessin Kate oder bedingungslose Unterstützung für alle Underdogs, jetzt also für Kroatien.
Alles Argumente, die zwar nichts mit Fußball zu tun haben, aber ehrbar und akzeptabel sind. So weit, so gut.
Doch meine Ab- und Zuneigung vor dem England-Kroatien-Spiel war ganz speziell, seit ich unfreiwillig zum Seismografen mutiert bin. Akustisch nehme ich die WM auf einzigartige Weise wahr – ich wohne seit kurzem in der Nähe des Siegestores, das auf Fußballfans aus aller Herren Länder magnetische Anziehungskraft ausübt. Nähern sie sich dem Münchner Wahrzeichen, ist es über alle Ländergrenzen hinweg selbstverständlich, die Hand nicht mehr von der Hupe loszulassen, und zwar je später der Abend umso hemmungsloser der Rhythmus. Ist auch noch das letzte Trainerinterview nach einem Spätspiel über den Bildschirm geflimmert, könnte man mal an Nachtruhe denken. Aber weit gefehlt, denn gerade hat die Ampel an der Leopoldstraße wieder auf Grün geschaltet und den nächsten Autokorso mit Hup-Welle herangeschwemmt, was meine WM-Seismografennadel fröhlich herumtanzen lässt.
Völlig irritiert war ich dann aber vor zwei Wochen, als ich am Sonntagabend gegen 21 Uhr plötzlich heftige Ausschläge registrierte. Nein, das konnten weder Japaner noch Senegalesen sein, die sich am Nachmittag 2:2 trennten und keine solche Heerscharen auf die Straße bringen, grübelte ich – Gott sei Dank noch weit vor dem Zu-Bett-Gehen –, während der Lärm immer wilder wurde. Und Polen oder Kolumbianer waren es schon gleich gar nicht, weil bei denen gerade die zweite Halbzeit anlief. Bis mir langsam schwante, dass in der Türkei die Ergebnisse der Erdogan-Wahlen herausgekommen waren und seine Anhänger meinen Abend akustisch aufmöbeln würden. Glücklicherweise musste das Team vom Bosporus bei der WM daheim bleiben.
In WM-Halbfinale vertreten waren aber noch die Kroaten, in deren Herzen ähnlich wie bei den Osmanen das Feuer brennt und die in München äußerst stark vertreten sind. Daher schlug ich mich auf die Seite der britischen Gentlemen, weil ich mir dachte, ich kann mich auch geruhsam aufs Ohr legen, wenn in den geschlossenen vier Wänden eines Münchner Pubs – weit entfernt von meinem Schwabinger Domizil – ihre Jubelgesänge lautstark erschallen. Da ich aber den Kroaten doch einiges spielerisch und jubeltechnisch zutraute, traf ich mich vorsichtshalber mit Freunden in Augsburg und kehrte weit nach dem Apfif heim. Bernd Kreuels