WM-Finalist Kroatien

Das große Miteinander

von Redaktion

In keinem Bericht über den Finaleinzug der kroatischen Nationalmannschaft fehlt in diesen Tagen der Hinweis auf die Größe des Landes – oder vielmehr: auf die mangelnde Größe. Vier Millionen Einwohner, das ist verschwindend wenig, wenn man es in Relation setzt. In China gibt es Dutzende von Städten, in denen mehr Menschen leben. Der Deutsche Fußball-Bund hat über sieben Millionen Mitglieder. Jeder halbwegs prominente Kicker hat in den sozialen Netzwerken mehr Anhänger.

So gesehen sind die Kroaten, dieses Vier-Millionen-Völkchen, dessen nationale Liga keine Rolle spielt, ein ganz und gar unwahrscheinlicher Finalist. Bei Europameisterschaften mögen sich schon mal die Dänen durchgesetzt haben, auch die Griechen, früher die Tschechoslowaken, zuletzt die Portugiesen (und das ohne Sieg in der Vorrunde). Aber Weltmeisterschaften waren in ihrer entscheidenden Phase immer eine geschlossene Gesellschaft. Bis jetzt.

Andererseits passen die Kroaten in das Muster dieser WM. Wenn man sich zum Beispiel an die Auftritte der deutschen Mannschaft erinnert und den Biss beider Teams vergleicht, das innere Feuer und die Bereitschaft, für den Nebenmann auch noch das letzte Quäntchen Energie zu investieren, wird der Coup des Außenseiters plötzlich ganz plausibel. Was dem einen so schmerzlich abging, besitzt der andere im Übermaß. Deshalb spielen die Männer vom Balkan um den Titel, während für die DFB-Spieler bald schon wieder der Urlaub endet.

Geschlossenheit ist bei jedem Turnier ein entscheidender Faktor. Bei dieser WM aber, die die Entzauberung des Ballbesitzfußballs erlebt hat und den Sturz globaler Stars, erfährt das Kollektiv noch einmal eine ganz neue Bedeutung. Es gibt weltweit nicht viele Teams, die so verschworen sind wie die Kroaten. Selbst ein Mann wie Luka Modric, für den der Begriff Star gewiss nicht vermessen ist, scheint vollkommen aufzugehen im großen Ganzen.

Das martialische Auftreten und der nationalistisch angehauchte Pathos der Kroaten sind nicht jedermanns Sache. Hinter der grellen Fassade aber verbergen sich Werte, die umso konservativer sind. Man steht füreinander ein. Man leidet füreinander. Und am Ende siegt man miteinander.

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