-Herr Ude, die WM ist fast vorüber. Wie groß war Ihre Begeisterung?
Sie ist an mir weitgehend vorüber gegangen. Mit dem Sommermärchen von 2006 hatte das wenig gemein. Diesmal gab es schon vorher viel Ernüchterung über den WM-Trubel und über die Nationalmannschaft, durch das frühe Ausscheiden wurde es auch nicht spannender. Es gab große Spiele – aber es waren meist nicht die angesagten „Highlights“. Und oft war mein Kalender einfach voll.
-Wie nutzt man die Zeit als „Fußballverweigerer“?
Verweigerer geht ein wenig zu weit, ich habe halt viel versäumt – aber dafür anderes genießen dürfen. Zum Beispiel bei Lesereisen leere Züge während der Nachmittagsspiele – um die Zeit gibt’s sonst Gedränge. Auch einkaufen oder Essen gehen war ein reines Vergnügen!
-Dass Ihr Interesse an der Fußball-WM eingeschränkt war, hat aber nichts mit dem permanenten Leidensdruck als 1860-Fan zu tun?
Im Gegenteil: Wenn der Leidensdruck zunimmt, schaut man sich gerne auf der internationalen Bühne um!
-Sie sind Politiker: Das WM-Aus der DFB-Elf wurde von Medien staatstragend mit der Regierungskrise in Berlin verglichen. Wie wichtig ist der Fußball eigentlich?
Er ist wichtig, weil er Menschen begeistern kann, für andere, weil er ein Milliardengeschäft ist. Aber Parallelen mit der nationalen Politik halte ich für Quatsch. Wäre die Verfassung der Bundesregierung besser, wenn Deutschland ins Endspiel gekommen wäre? Oder Putin ein lupenreiner Demokrat, wenn Russland Finalist geworden wäre? Und setzt es Präsident Macron ins Unrecht, wenn Frankreich scheitert? Das ist doch Unfug – allenfalls ein weiteres Beispiel, wie wenig wir Lust haben, rationale Argumente auszutauschen.
-Man spricht inzwischen sogar von einem „Fall Özil“ – klingt auch wie eine Staatsaffäre . . .
Eine Staatsaffäre sehe ich nicht, aber ein mahnendes Beispiel, dass auch Fußball-Millionäre ein bisschen politische Bildung abbekommen sollten.
-Mischt sich die Politik zu sehr in den Sport ein oder sind die Funktionäre Teil des Problems?
Wir Politiker schmücken uns mit allem, womit man sich schmücken kann, wir werden ja auch für jede Misere verantwortlich gemacht, die wir nicht beeinflussen können. Also muss auch der Fußball herhalten. Als Löwenfan kam ich da selten in Versuchung. Da die Politik weltweit immer verrückter wird, wäre der Fußball gut beraten, einen Sicherheitsabstand zu wahren.
-Jogi Löw macht weiter. Die richtige Entscheidung?
Wir haben in Deutschland 80 Millionen potenzielle Bundestrainer, die alles besser wissen, da muss ich nicht meinen Senf dazu geben.
-Welche WM hat Sie in der Vergangenheit am meisten gefesselt?
Das Wunder von Bern habe ich nur schwarz-weiß gesehen, obwohl meine Mutter Bernerin ist. Also 2006. Da war für mich das architektonische Vorspiel am aufregendsten – bis endlich klar war, dass die neue Arena samt Verkehrsanbindung zeitgerecht fertig wird.
-Gibt es nicht doch etwas, das Sie diesmal begeistert hat?
Beim Gruppenspiel gegen Schweden bekam ich wenigstens die Nachspielzeit mit – und damit den Freistoß von Toni Kroos. Wie der Ball da langsam über die Wiese hoppelte und fast müde gestoppt wurde, um bereit zu liegen für einen sensationellen Schuss ins rechte Lattenkreuz – das war schon atemberaubend. Und jetzt freut mich – trotz aller frankophiler Einstellung – dass mit Kroatien eine kleine, unerwartete Nation ins Finale gekommen ist. Auch wenn nicht gleich ein nennenswerter Prozentsatz der Bevölkerung ins Stadion kommen kann wie bei den Isländern.
Interview: Klaus Vick