Gerüstet für die Revanche

von Redaktion

Angelique Kerber fordert im Finale von Wimbledon wie schon 2016 Serena Williams – Görges verpasst Überraschung

Von Doris Henkel

Wimbledon – Zum zweiten Mal werden sie diesen Samstag um Punkt 14 Uhr Ortszeit wieder auf Wimbledons Centre Court erscheinen und um den wichtigsten Tennis-Titel der Welt spielen, Serena Williams und Angelique Kerber. Die eine beim fast unglaublichen Versuch, den achten Titel bei diesem Turnier zu gewinnen, die andere voller Ehrgeiz, den ersten zu schaffen. Kerber überzeugte in jeder Hinsicht beim Sieg im Halbfinale am Donnerstag gegen Jelena Ostapenko (6:3, 6:3), Williams machte beim Erfolg gegen Julia Görges (6:2, 6:4) ihr bestes Spiel bei diesem Turnier, und gemessen daran darf sich die Welt des Tennis auf einen vielversprechenden Nachmittag im All England Club freuen (ab 15 Uhr MESZ, live bei Sky und im ZDF).

Görges musste sich im ersten Halbfinale ihrer Karriere nicht vorwerfen, sie habe nicht alles versucht. Sie nahm die Atmosphäre und die Umstände des Spiels als Inspiration, sie machte zur Freude des Publikums höchst sehenswerte Punkte und sie zwang Williams dazu, richtig Gas zu geben. Natürlich war sie hinterher ein wenig traurig, dass es nicht zum ersten Satzgewinn oder sogar zum ersten Sieg gegen die große Gegnerin gereicht hatte. Aber im Gegensatz zur höchst einseitigen gemeinsamen Partie vor ein paar Wochen bei den French Open in Paris war sie diesmal stark genug, um allen zu zeigen, dass diesem Kapitel noch ein paar spannende Episoden folgen können. An diesem Tag, so erklärte sie es hinterher, habe die Erfahrung den Unterschied gemacht. Aber sie nahm den Auftritt der Gegnerin in diesem Spiel als Kompliment für ihre eigene Leistung, und sie hatte allen Grund, die Sache so zu sehen.

Serena Williams, derzeit in der Weltrangliste auf Platz 181, sagte hinterher, sie sei überglücklich, schon beim vierten Turnier nach der Geburt ihrer Tochter Alexis Olympia am 1. September um den Titel zu spielen. In Paris hatte sie vor dem Achtelfinale wegen einer Zerrung des Brustmuskels aufgeben müssen, aber ihr französischer Trainer Patrick Mouratoglou hatte schon damals gesagt: „Macht euch keine Sorgen, sie wird Wimbledon gewinnen.“ Sieht so aus, als habe dieser Mann mehr als nur eine Ahnung, wie die ebenso kapriziöse wie umwerfende, unfassbar erfolgreiche Partnerin tickt.

Angelique Kerber fuhr am Donnerstag wie auf Schienen ins vierte Finale ihrer Karriere bei einem Grand-Slam-Turnier, das zweite in Wimbledon. Da ratterte und rumpelte nichts, jeder fahrplanmäßige Halt wurde auf die Minute erreicht, und wenn sich auf der Strecke mal kurzfristig eine Verzögerung ergab, dann holte den Rückstand bis zum nächsten Halt mit einer kurzen Beschleunigung wieder auf. Die Deutsche Bahn könnte sich glücklich schätzen über ähnlich viel Verlässlichkeit und Effizienz.

Jelena Ostapenko, die junge Wilde aus Lettland, war mit einem Viererzug aus Vollblütern unterwegs. Sie schwang die Peitsche, rauschte mit halsbrecherischem Tempo durch die Kurven, und manchmal sah es so aus, als kippe sie mitsamt des ganzen Wagens polternd um. Gleich in Ostapenkos erstem Aufschlagspiel war das Muster der ganzen Partie zu erkennen. Sie begann mit einem Doppelfehler, danach folgten abwechselnd Siegschläge und weitere Fehler, bis sie dieses Spiel mit einem Ass gewann. Am Ende standen in ihrer Bilanz 30 Winner gegenüber 36 unerzwungenen Fehlern, bei Kerber lautete das Verhältnis 10:7. Zahlen, die alles beschrieben, vielleicht ohne die Girlanden von ein paar klitzekleinen Wutausbrüchen der Lettin. Kerber spürte, dass sie sich nicht verwirren lassen durfte, was ihr wie schon in der Runde zuvor beim Sieg gegen Daria Kasatkina beeindruckend gelang. „Ich wusste, dass ich ruhig bleiben muss“, sagte sie hinterher, „dass ich die Energie bei mir behalten muss.“

Es war – alles in allem – eine reife Leistung und sie wird belohnt mit der zweiten Chance, das Turnier aller Turniere zu gewinnen. Kerber sagt, natürlich sei es schade, dass es nicht zu einem deutschen Finale mit Julia Görges komme, aber sie freue sich genauso wie vor zwei Jahren auf das Spiel um den Titel. Damals gewann Serena Williams in zwei Sätzen, hatte aber in einer Partie auf Augenhöhe hart kämpfen müssen. Ein halbes Jahr vorher hatte Kerber gegen die Amerikanerin bei den Australian Open den ersten Grand-Slam-Titel ihrer Karriere gewonnen. Aber seither ist eine Menge passiert.

Die eine schnappte sich einen weiteren Grand-Slam-Titel, wurde die Nummer eins des Frauentennis, verlor im Jahr danach die Orientierung und fand zurück; die andere wurde Mutter, starb fast nach der Geburt, heiratete ein paar Wochen später, und jetzt spielt sie wieder um den Titel, beobachtet im übrigen von einem prominenten Gast. Der Kensington Palast teilte am Donnerstag mit, die Herzogin von Sussex werde zum Finale erscheinen. Die Herzogin hieß vor ihrer Eheschließung Meghan Markle, und sie ist eine der besten Freundinnen der höchst erstaunlichen Mrs. Williams.

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