WM-Exoten beim Erzherzog Rainer

von Redaktion

Es sind nur ein paar Kilometer, die Kössen in Tirol von der Grenze zu Bayern trennen, doch schlagartig ist man in einer anderen Welt. Die Berggipfel sind schroffer, die Wiesen grüner. Eine weiterer Unterschied fällt nicht sofort auf, sondern erst am Abend, wenn die Halbfinalspiele der WM anstehen, denn: Das größte Fußballturnier der Welt – es findet in Kössen gefühlt nicht statt.

„Bitte reservieren Sie rechtzeitig!“ Dieses Schild steht am Dienstag vor dem „Erzherzog Rainer“, und es ist klar, was man da als Münchner denkt: Jeder will halt den besten Platz vor der Leinwand haben. Aber weit gefehlt: Der freundliche Hinweis bezieht sich auf die Spezialität der Woche, auf die ofenfrische „Schweinshaxe“.

Es ist kurz vor 20 Uhr, der Fernsehraum leer, doch es sind nette Menschen, die beim zentralen Wirtshaus arbeiten: Extra für die Gäste wird Frankreich gegen Belgien angeschaltet, und auch sonst fehlt es an nichts. Zartes Fleisch, erlesene Whiskys, eine Uralt-Musikbox – alles da. Außer WM-Stimmung. Der Wirt steckt hin und wieder seinen Kopf zur Tür rein, einer seiner Angestellten sagt: „Habts Eich mehr erwartet vom Turnier.“ Soll heißen: Könnts halt nicht immer gewinnen, Ihr Deutschen!

Schön war’s trotzdem beim „Erzherzog Rainer“, der mittwochs leider Ruhetag hat. Ein anderer Geheimtipp der Zimmerwirtin wird ausprobiert: der „Dorfstadl“ vom Günther, einem Koch, der Fußball gut findet. Das kann man schon sehen, wenn man seinen Wintergarten betritt. Der große Flachbildschirm steht zentral wie ein Altar, ringsrum an der Decke sind Flaggen-Girlanden gespannt, frühere WM-Maskottchen liegen herum. Wohl dem, der mittags reserviert hat, denn ruckzuck ist der Saal voll und alle Gäste haben etwas gemeinsam: Sie sind keine Österreicher, sondern Löwen-Fans, die wie die Reporter quasi dienstlich in Kössen zu tun haben.

Auch der ältere Herr, der später noch an der Bar sitzt, entpuppt sich als Deutscher. War früher mal für Hedos im Münchner Eishockey engagiert, lebt jetzt im Kaiserwinkel und berichtet von einer zünftigen Fußballparty tags zuvor. Naheliegender Gedanke: Die WM-Fans von Kössen haben sich organisiert, zusammen in der „Post“ geschaut und für leere Lokale der Konkurrenz gesorgt. Denkste! Jürgen deutet auf sein St. Pauli-Trikot. „Weltpokalsiegerbesieger“ steht drauf – als Erinnerung an den 2:1-Testspielsieg gegen die Bayern vor 16 Jahren. „Wir haben noch mal das Video gezeigt“, erzählt Jürgen und grinst: „Bei jedem Tor gab’s eine Runde Schnaps. Natürlich haben wir bei den Pauli-Toren zurückgespult.“ Was man halt so macht, wenn parallel dazu Frankreich und Belgien um den Finaleinzug kämpfen.

Erkenntnis nach zwei Tagen in Kössen während der heißen Phase der WM: Österreich hat für sich einen gesunden Umgang mit der ewigen Nicht-Präsenz bei großen Fußballturnieren gefunden – indem es einfach so tut, als gäbe es diese WM gar nicht. Psychologisch klug. Sollte man als Deutscher im Hinterkopf behalten . Wer weiß, was die Zukunft so bringt? uli kellner

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