Auf der Welle der Begeisterung

von Redaktion

Die Mutter brachte Leon Radosevic einst vom Fußball ab – die Leidenschaft führt den Basketballer nun nach Moskau

München – Wenn die Geschichte ruft, dann muss man manchmal Opfer bringen. Und so hat auch Leon Radosevic seinen endgültigen Umzug nach München sicherheitshalber noch einmal aufgeschoben. Der Neuzugang der Basketballer des FC Bayern macht sich auf den Weg nach Moskau. Karten für das WM-Finale hat der Deutsch-Kroate nicht, aber das wird sich regeln lassen, irgendwie: „Ich werde sehen, dass ich vor dem Stadion eine Karte kaufen kann.“ Für die Ausrüstung ist gesorgt, am Freitag hat sich Radosevic noch ein kroatisches Nationaltrikot zugelegt. Für ihn ist das nur logisch. „So eine Gelegenheit“, sagte er, „wird es nicht noch einmal geben.“

Wobei bezweifelt werden darf, dass ein ähnlicher Coup der kroatischen Basketballer den 28-Jährigen in einen vergleichbaren Ausnahmezustand versetzen würde. Der Fußball ist seine große Leidenschaft. Das war er schon immer. Als Kind verbrachte er praktisch jede freie Minute beim Kicken auf den Feldern seines Heimatörtchens unweit von Zagreb. Abend für Abend hat seine Mutter ihn nachdrücklich nach Hause befehlen müssen. Bis Mama Radosevic den Junior endgültig vom Fußball abberief. „Ich war in der Schule zu schlecht“, erzählte er, „da hat sie es mir komplett verboten.“ Über einen Nachbarn kam er dann zum Basketball. Kein schlechter Gedanke bei seiner heutigen Größe von 2,09 Metern. Ob ihm die Mutter die Karriere gekostet hat, vermag er nicht zu sagen: „Ich glaube, dass es im Fußball schwerer ist, nach oben zu kommen.“

Die Welle der rot-weißen Begeisterung jedenfalls hat auch ihn schon länger gepackt. „Keiner hat uns etwas zugetraut und viele haben schlecht über uns gesprochen“, sagte er, „daraus ist etwas gewachsen.“

Von Spiel zu Spiel ein bisschen mehr. Er selbst hat das Achtelfinale eingepfercht in einen Flugzeugsitz auf der Rückreise vom Malediven-Urlaub miterlebt. „Alle haben geschlafen und ich bin ausgerastet“, sagte er. Das Halbfinale gegen England verfolgte er bei einem Kumpel in Heilbronn, weil man es nicht zeitig zu der Stuttgarter Partymeile schaffte, auf der sich dieser Tage bis zu 30 000 Kroaten versammeln.

Das Duell mit Gastgeber Russland in der Runde der letzten Acht hatte Radosevic in Split bei der Familie seiner Frau gesehen. „Da hat man schon gemerkt, wie verrückt alle im Land alle spielen“, erzählte er.

In ein paar Tagen wird der Neu-Bayer das Verrückte dann noch einmal hautnah miterleben. Von Moskau wird er dann nämlich nach Zagreb weiterreisen, wo die Spieler um Luka Modric zu Wochenbeginn empfangen werden. Ob mit oder ohne Pokal ist fast schon egal: „Das wird auf jeden Fall unglaublich.“ Patrick Reichelt

Artikel 1 von 11