München – Es geht um die FIFA World Cup Trophäe, einen sektflaschengroßen Goldpokal, 36,8 Zentimeter hoch, 6,175 Kilo schwer, davon 4900 Gramm aus 18-karätigem Gold. Frankreich durfte sich schon einmal mit dem Cup schmücken (1998), Kroatien noch nie. Entschieden wird im WM-Finale von Moskau aber auch, wer am 24. September in London einen Solopreis entgegennehmen darf, bei einer Veranstaltung, die sich 2016 einen neuen bedeutungsschweren Namen gegeben hat. Sie heißt jetzt „The Best FIFA Football Awards“. Früher auch bekannt unter dem Namen: Wahl des Weltfußballers.
Es wäre ein Wunder, wenn sie 2018 nicht einen neuen Sieger hervorbrächte: Kylian Mbappé, 19, – oder Luka Modric, 32. Beiden ist es zuzutrauen, mit herausragenden 90 oder 120 Minuten eine Ära zu beenden.
Das Gerangel um den berühmten „Ballon D’Or“ (und/oder die Vorgänger- bzw. Nachfolgertrophäen) war ja für ein Jahrzehnt die langweiligste Veranstaltung der Welt. Geschlossene Gesellschaft trifft es nicht so ganz, denn zwei Kandidaten erfüllen kaum den Tatbestand einer Gesellschaft. Aber: Keinem Fußballer auf diesem Planeten gelang es in diesem Zeitraum, die Monotonie der Bestenliste zu unterbrechen. Noch einmal sei an die zurückliegenden Sieger erinnert. 2008: Cristiano Ronaldo. 2009: Lionel Messi. 2010: Messi. 2011: Messi. 2012: Messi. 2013: Ronaldo. 2014: Ronaldo. 2015: Messi. 2016: Ronaldo. 2017: Ronaldo.
Cannavaro erhielt als letzter Weltmeister den Goldenen Ball
Ob die nimmermüden Superstürmer nun mit dem „Ballon D’Or“ geehrt wurden, mit dem „FIFA Ballon D’Or“, als „FIFA World Player“ oder als „The Best FIFA Men’s Player“, spielt keine Rolle, denn die Fachjury – einst nur Kapitäne, Nationaltrainer und Sportjournalisten, inzwischen auch Fans – kam stets zu einem Ergebnis, das kaum einer in Frage stellte. Außer dem jeweils Zweitplatzierten (also Messi oder Ronaldo). Oder Zlatan Ibrahimovic.
Kommunalwahlen in der DDR waren aufregend dagegen. Im Internet kursierte ein Witz, der die Eintönigkeit auf den Punkt brachte: Kaka war 2007 der letzte Mensch, der die Wahl zum Weltfußballer gewonnen hat. Selbst ein ungeschriebenes Uralt-Gesetz wurde von den kickenden Androiden ausgehebelt. Früher konnte sich ein Fußballer darauf verlassen, dass er nur in seinem Nationalteam herausragen und den WM-Pokal gewinnen muss, wenn er scharf auf den Goldenen Ball war. Galt bis einschließlich 2006, als Fabio Cannovaro stellvertretend für Italien geehrt wurde. Schon der 2010 herausragende Spanier Iniesta ging leer aus. Und auch Philipp Lahm, DFB-Weltmeisterkapitän 2014, blieb im Schatten von Ronaldomessi.
Diesmal aber dürften die Abo-Sieger aus dem Rennen sein. Messi glänzte vor allem national, also in seiner Wahlheimat Spanien (Meister, Pokalsieger). Tore schoss er da zuhauf, wie man das von ihm gewöhnt ist. Ronaldo schrieb Geschichte, indem er mit Real Madrid das Champions-League-Triple perfekt machte. Beiden gelang es aber nur partiell, auf der Bühne WM weitere Argumente für einen weiteren Weltfußballer-Titel zu sammeln. Und damit sind sie in guter Gesellschaft. Auch für die brasilianische Mimose Neymar, den englischen Sturm-Allrounder Harry Kane und den grundsätzlich brillanten Kevin De Bruyne war die WM zu früh zu Ende, um sich nachhaltig in Stellung zu bringen.
Ganz anders der Franzose Mbappé, bei dem sich schon vor dem Finale genügend Momente für WM-Rückblicke angesammelt haben. Wie er im Achtelfinale seine Sprints anzog, einen frühen Elfmeter herausholte, und Argentinien später mit zwei blitzsauberen Toren abschoss. Wie er im Halbfinale für einen millionenfachen Zungenschnalzer sorgte, als er den Ball im Zeitraffer mit der Hacke um den belgischen Gegenspieler wickelte. Fans hat der junge Mbappé ebenso viele wie Fürsprecher. Einer davon ist Ex-Bundestrainer Berti Vogts, der sagt: „Kylian Mbappé ist der Beste des Turniers. Seine Schnelligkeit, sein Gespür für den Tempogegenstoß, dazu seine Ballfertigkeit und Schusstechnik machen ihn zum Ausnahmekönner.“ Inhaltlich ähnlich äußerte sich Lothar Matthäus, doch der dürfte auch Gefallen an Luka Modric finden – weil der kroatische Zehner ein bisschen so spielt wie er einst.
Szene des Turniers: Mbappés Hackenfinte im Halbfinale
Atemberaubende Szenen wie Mbappé bietet Modric eher nicht, dafür liefert er sonst ausgesprochen viel, das ein Team benötigt, um wie Real Madrid dreimal in Serie die Champions League zu gewinnen – oder mit einem kleinen Land wie Kroatien ins WM-Finale vorzustoßen. Modric? Glänzt selten mit Toren, auch nicht mit Dribblings oder anderen Knalleffekten. Der kleine Kroate spielt schnörkellos einfach – aber schlau wie kaum ein anderer. Ist ihm mal irgendwann ein Fehlpass unterlaufen? Vielleicht in der Jugend, als er mit seiner Familie vor dem Krieg auf dem Balkan geflüchtet war. Dafür erschließt er mit seinen Zuspielen Räume, die kein anderer sieht. Niemals gerät er aus der Ruhe, nichts bringt ihn aus der seelischen Balance. Und wenn er in der Verlängerung einen Elfmeter verschießt wie gegen Dänemark – dann tritt er beim finalen Showdown noch mal an und haut ihn einfach rein.
Apropos Finale: Zwischen dem Endspiel am Sonntag im Luschniki-Stadion und der Stimmabgabe für die FIFA-Wahl liegen gerade mal 26 Tage. Da ist in der Champions League noch kein Ball gespielt. Verhältnismäßig frisch dagegen sind die Eindrücke der WM. Mbappé oder Modric – einer wird gewinnen. Am Sonntag. Und auch am 24. September in London.