Plötzlich waren wir alle Verlierer. Mittwochabend nach dem Abpfiff des zweiten WM-Halbfinales. Wir waren auf einer Hochzeit in Apulien, und da das Brautpaar – Jessi Tirolerin, Jai Australier mit indischen Wurzeln –, bereits einen hübschen Mix darstellten, stammte auch die Feiergemeinde von überall her: Australier, Österreicher, Inder, Italiener, Deutsche, Engländer, Amerikaner, Bulgaren … doch Sie merken was: Mit dem Aus der Briten lauter Länder, die mit dieser WM entweder gar nix oder nur dem Sagen nach zu tun hatten beziehungsweise glücklos gescheitert sind. In unserem Schmelztiegel fehlten Franzosen und Kroaten. Nun, die Hochzeit war dennoch traumhaft.
Es ist ein Blitzurlaub gewesen, den nur das frühe deutsche Aus ermöglicht hatte. So liegt in jedem Scheitern doch etwas Gutes, es ist halt Ansichtssache. Für mich war die Reise aus vielen Gründen spannend: Meine Cousine Jessi ist vor Jahren nach Down Under gezogen, wir sehen uns nicht so oft, also lag mir ihr großer Tag am Herzen. Und dann in Italien – dem Land, das Fußball mit so unendlich viel Leidenschaft lebt, diese WM aber nur in der Zuschauerrolle verfolgen konnte: Wie würde das sein?
Als ich klein war, war ich das letzte Mal während einer WM in Italien. 1990, die „Squadra Azzurra“ scheiterte erst im Halbfinale an Argentinien. Salvatore „Toto“ Schillaci war mit sechs Treffern Held der Nation, es ist mir bis heute unvergesslich, wie unser Wirt nach einem seiner Tore durchs Lokal wirbelte, feurig „Schillaci, Schillaci, Schillaci“ brüllte und Stühle wie Tische durch die Gegend warf, als würde seine ganze Einrichtung zerlegen wollen. Toto Schillaci schoss später nur noch ein einziges Länderspieltor und ging nach Japan. Eine Eintagsfliege – aber, mamma mia, was für Emotionen hatte sie mit nur wenigen Flügelschlägen entfacht!
Italien hat die WM auch jetzt verfolgt, mit wem man redete, von Ignoranz keine Spur, nur weil die eigenen Leute nicht dabei waren. Als Deutscher erntete man mitleidige Blicke – ist es nicht noch schmerzhafter, so zu scheitern als wenigstens gleich im Urlaub sein zu können? Im Übrigen tröstet sich Italien dieser Tage mit Cristiano Ronaldo. Auf den sind sie alle gespannt, nicht nur die Turiner, die sich den fünfmaligen Weltfußballer für ein paar Millionen geleistet haben.
Auf der Hochzeit waren Fernseher etc. im Übrigen tabu. Aber freilich warf der eine oder andere Gast verstohlene Blicke aufs Smartphone, während er Austern, Pasta, Tiramisu verputzte. Es gab jedoch auch ohne Fußball viel zu bestaunen: Die Australier, die die Lebensfreude gepachtet haben, die Inder mit ihrem würdevollen Auftreten (ein Festtags-Sari wiegt zwei Kilo), die Briten mit ihrem Galgenhumor, das wundervolle Baby Hazel des Brautpaars, das einem mit seinen tiroler-bergseeblauen Augen immer bis ins Herz hineinzuschauen scheint. Es wurde gegessen, gelacht, getanzt unterm Sternenzelt bis zum Morgengrauen… schrieb ich eingangs des Textes, dass wir alle Verlierer waren? Was für ein Schmarrn. Fußball hin oder her, ganz egal, wie so eine WM ausgeht – wir sind doch alle Gewinner. Andreas Werner