Kerbers kreativer Geist

von Redaktion

Seit acht Monaten arbeitet die Tennisspielerin mit Trainer Fissette zusammen – jetzt stehen sie im Wimbledon-Finale

von doris henkel

Wimbledon – Es war einer der letzten Tages des vergangenen Jahres, ein Traum in Sommerfarben. Wim Fissette stand an einem Strand in Perth/Australien mit Blick auf den blaugrün schimmernden Ozean und beobachtete interessiert, wie Angelique Kerber versuchte, ein Surfbrett zu entern. Sie machte eine prima Figur schon bei den ersten Versuchen, und er war beeindruckt. Wieder mal.

Zu diesem Zeitpunkt hatten der 38 Jahre alte Belgier und die acht Jahre jüngere Kielerin die ersten Wochen der gemeinsamen Arbeit hinter sich, und er sagte: „Sie ist noch talentierter als ich dachte.“

Nach dem dem Ende der wenig erbaulichen Saison 2017 hatte Kerber beschlossen, es sei an der Zeit für Veränderungen, um noch mal zu ähnlichen Höhenflügen ausschwärmen zu können wie im Jahr zuvor, als sie zwei Grand-Slam-Turniere gewonnen, in Wimbledon im Finale gespielt hatte und an der Spitze der Weltrangliste gelandet war.

Sie trennte sich von ihrem langjährigen Coach Torben Beltz und bis auf ihren Manager Aljoscha Thron auch vom Rest des Teams. Die Wahl fiel schnell auf Fissette, früher ein eher durchschnittlicher Spieler, der 2004 als Trainingspartner von Kim Clijsters in der Szene auftauchte und drei Jahre später seinen Bürojob aufgab, um sich intensiv auf ein Leben als Profitrainer vorzubereiten.

2009 bat ihn Clijsters um Hilfe bei ihrem Comeback. Mit Fissette auf der Bank gewann die Belgierin drei Grand-Slam-Titel und landete an der Spitze der Weltrangliste. Weitere Stationen folgten, überall begleitet von Erfolg. Die kurze Zusammenarbeit mit Sabine Lisicki führte ins Wimbledon-Finale 2013, Simona Halep betreute er beim Finale bei den French Open im Jahr danach, später schien er mit Victoria Asarenka auf einem guten Weg zu sein, ehe die Zusammenarbeit wegen Asarenkas Schwangerschaft endete. Danach folgte Konta, und nun ist er der Mann, der Angelique Kerbers vielfältiges Talent fördert und fordert.

Er hatte aus der Nähe verfolgt, wie sie 2017 ins Trudeln geraten war, aber er war sich ziemlich sicher gewesen, dass er die richtige Idee hatte, um sie wieder zurück zum Erfolg zu führen. Auf seiner Webseite erklärt Fissette, er habe viele Bücher über Taktik und Technik gelesen, doch am Ende gehe es nicht darum, die beste Vorhand zu schlagen oder einen Masterplan zu haben. „Erfolg basiert auf einer Vielzahl von Faktoren“, schreibt er, „aber der Schlüssel ist, Verantwortung zu übernehmen. Dinge kommen dir nicht entgegen – du musst dafür sorgen, dass sie passieren.“

Man kann den Mann als Redner für Motivationskurse buchen, und er tritt als Botschafter des Software-Riesen SAP auf, er gibt seine prinzipiellen Erkenntnisse aus diesem Sektor überzeugt an Kollegen weiter, und er nutzt sie natürlich auch, um Kerbers Spiel zu verbessern.

Fissette sagt, zum Beginn der gemeinsamen Arbeit habe sich die Auswertungen ihrer Aufschlag-Statistik angesehen und dabei festgestellt, dass sie bei 75 Prozent aller Aufschläge auf die Rückhand der Gegnerin serviere und nur gelegentlich auf die Vorhand. Also erklärte er ihr, die Vorhand-Quote müsse deutlich steigen. Seit sie diesem Weg folgt und eine kleine technische Veränderung bei der Fußstellung dazu gefügt hat, ist ihr Aufschlag bei weitem wirkungsvoller als zuvor. Aber er weiß auch, dass man Kerber nicht mit so vielen Daten füttern sollte. „Sie spielt mehr mit Gefühlen und Intuition, also muss ich aufpassen, wie viel ich ihr sagen kann.“

Er selbst beschreibt sich als ruhig – „typisch belgisch“ –, glaubt an seine Fähigkeiten im Kollektiv, Kerber findet, er sei konkret, engagiert und ambitioniert. „Da ist ein Plan drin, ein System, ein Ziel. So bin ich auch. Seine Kritik ist nie irgendwie negativ, aber klar, und das ist genau das, was ich mir gewünscht hatte.“

Sie weiß, dass er an diesem Samstag um 14 Uhr Ortszeit in der Spielerloge seinen Platz in der Ecke einnehmen und äußerlich scheinbar ganz ruhig zusehen wird, wenn sie zum zweiten Mal in ihrer Karriere gegen Serena Williams in Wimbledon um den Titel spielt. Er dort oben, sie unten auf dem Centre Court im Wettstreit um den wichtigsten Titel der Tenniswelt; sieht so aus, als seien beide gut beraten gewesen, sich füreinander zu entscheiden.

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