WM-Gespräch mit . . . Verena Bentele

„Sport und Politik kann man nicht trennen“

von Redaktion

– Frau Bentele, wie verfolgen Sie als blinde Frau denn die WM?

Ich höre ganz viel Radio. Oft treffe ich mich auch mit Freunden, die dann auf dem Fernseher schauen, während ich einen Kopfhörer im Ohr habe. Da werden mir vom Kommentator alle Spielzüge und Torszenen genau erklärt – und so kann ich danach genauso den Bundestrainer geben wie alle anderen (lacht).

-Dann haben Sie ja sicherlich von den theatralischen Auftritten Neymars gehört.

Oh ja. Darüber habe ich viel mit meinen Freunden diskutiert. Man stelle sich das Mal aus Sicht einer Biathletin vor: Wenn da alle nach jedem Fehlschuss so ein Theater machen, dann hätte ich mich oft hinschmeißen müssen. Dass ein bisschen Show dazugehört, ist klar. Aber am Ende sollte immer der Sport im Vordergrund stehen. Daher fand ich das Verhalten von Neymar unnötig.

-Sie waren früher Sportlerin, sind heute in der Politik tätig. Beide Bereiche waren selten so arg vermischt wie bei dieser WM.

Man kann heutzutage Politik und Sport nicht mehr trennen. Denn jede Entscheidung darüber, wo Olympia, die Paralympics oder eben die Fußball-WM stattfindet, hat auch eine politische Dimension. Das ist eine Tatsache, die man anerkennen muss – ob man möchte oder nicht.

-Wie finden sie diese Entwicklung?

Nicht gut, wenn das bedeutet, dass die friedenstiftende und ausgleichende Wirkung des Sports dadurch verloren geht. Konflikte aus der Politik sollten nicht in den Sport getragen werden – und umgekehrt natürlich auch nicht. Ich würde mir wünschen, dass sich alle mehr auf das Positive besinnen. Wir dürfen das, was Nelson Mandela einmal gesagt hat, nicht vergessen: „Sport has the power to change the world“.

-Gilt diese Aussage denn heute noch?

Es gilt nach wie vor: Sport ist eine Sprache, die jeder auf der Welt versteht. Die Botschaft, dass sich alle Athleten mit Respekt und auf Augenhöhe begegnen, gefällt mir sehr. Es wäre schön, wenn sich die Politik da etwas vom Sport abschauen würde.

-Dann kommen wir mal zum Vorrunden-Aus der deutschen Mannschaft. Woran hat’s denn gelegen?

Ich hatte das Gefühl, dass die Jungs nicht wirklich als Team zusammengefunden haben. Da hätte ich mir deutlich mehr Kampfgeist, Motivation und ein besseres Wir-Gefühl gewünscht.

-Haben da auch die Erdogan-Fotos im Vorfeld des Turniers eine Rolle gespielt?

Das ist im Nachhinein schwer zu beurteilen – obwohl das ja jetzt viele machen. Ich hätte mir einfach gewünscht, dass Özil und Gündogan sich im Vorfeld nochmal eine andere Beratung eingeholt hätten. Das Foto hat die Konzentration vom WM-Titel abgelenkt. Persönlich hätte ich es ihnen nicht empfohlen.

-Ist Jogi Löw der richtige Trainer für den bevorstehenden Umbruch?

Ich wünsche ihm, dass er sich das gut überlegt hat, und sich dessen bewusst ist, dass es einen Umbruch braucht. Und zwar nicht nur einen personellen. Auch die Einstellung innerhalb des Teams muss sich stark ändern.

-Zum Abschluss: Frankreich oder Kroatien? Wem drücken Sie die Daumen?

Da gebe ich die Pädagogen-Antwort: Der Bessere soll gewinnen.

-Da kennen wir Sie aber meinungsstärker, Frau Bentele…

Na gut, dann bekenne ich jetzt doch Farbe (lacht). Ich finde es immer wahnsinnig toll, wenn kleinere Nationen, die noch nicht so viel im Fußball erreicht haben, etwas gewinnen. So ein Erfolg bewirkt in solchen Ländern sehr viel. Deswegen freue ich mich extrem, wenn Kroatien gewinnt. Mit rund vier Millionen Einwohnern den WM-Titel zu holen – das wäre Wahnsinn.

Interview: Simon Nutzinger

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