Der Botschafter

von Redaktion

Philipp Lahm trachtet beim DFB keinem nach seinem Job – ihm geht es um grundlegende Fragen

VON ANDREAS WERNER

München – Es gibt ein Foto von Joachim Löw und Philipp Lahm, datiert vom 3. September vor vier Jahren in Düsseldorf. Die Nationalelf, damals blutjunger Weltmeister, verlor einen Test gegen Argentinien 2:4, was aber keinen bekümmerte, auch Lahm nicht. Auf dem Bild mit dem Bundestrainer trägt er Zivil, er hatte sich verabschiedet. In solchen Situationen kriegen die Fußballer gerne einen Bilderrahmen in die Hand. Motive und Momente einer Karriere sind auf einer Leinwand zusammengepfercht, es ist kaum denkbar, dass diese Dinger mal an einer Wand aufgehängt werden. Bei Lahm sah es wie eine Urkunde, ein Meister- oder Gesellenbrief aus. „Der Vier-Sterne-Kapitän“, stand da.

Vier Jahre später ist bei der WM in Russland frappierend schnell klar gewesen, dass es so bald keinen Fünf-Sterne-Kapitän geben würde, und in die Debatten über die Folgen des Desasters klinkten sich verlässlich die üblichen Gurus ein, von Lothar Matthäus über Christoph Daum bis hin zu Mario Basler, der sicher kein Guru ist, aber dennoch immer meint, etwas zu sagen zu haben. All das war erwartbar, überraschend jedoch hat sich auch der Vier-Sterne-Kapitän eingereiht, mit deutlicher Kritik am DFB, an Löw und der grundsätzlichen Situation. Viele fragen sich seitdem: Was will er erreichen?

Kein Guru-Geplänkel – Lahms Kritik ist vielmehr eine Doktrin

Während die Boulevardzeitungen umgehend und gewiss nicht ohne Genuss die DFB-Spitzenfunktionäre Reinhard Grindel und Oliver Bierhoff anzählten, wird aus Lahms Umfeld versichert, er trachte beim Verband keinem nach seinem Job. Der 34-Jährige ist Ehrenspielführer und fungiert als Botschafter für die Bewerbung um die EM 2024, er sieht sich als Teil des Verbandes und damit in der Verantwortung. Nicht zuletzt das Turnier in sechs Jahren motivierte ihn zu seiner Manöverkritik. Er denkt stets langfristig, eine Rolle wie Franz Beckenbauer bei der WM 2006 ist eine Option. Wer Lahm auch nur ein bisschen kennt, weiß, er ist kein Freund halber Sachen. Wenn ich mich für ein Projekt engagiere, soll es auch funktionieren, so die Devise. Eine Nationalelf, die 2024 höchsten Ansprüchen genügt, ist dabei essenziell.

Philipp Lahm ist im wahrsten Wortsinn der Botschafter. Ihm geht es um grundlegende Fragen, denn es steht schon einiges auf dem Spiel dieser Tage, wenn man die deutsche Nationalmannschaft und den deutschen Fußball ganz generell beleuchtet. Der Aufsatz, den er auf dem Internetportal „linkedIn.com“ veröffentlichte, unterscheidet sich fundamental vom Geplänkel der Gurus; er erinnert auch vom Titel her an eine wissenschaftliche Doktrin: „Wenn ausbleibende Veränderungen Erfolge verhindern.“

Wer dieses Dossier genau liest, erkennt schnell, dass es Lahm nicht darum geht, Löw zu verabschieden. Lahm ist noch immer der, der er auch bei der WM in Brasilien war, als er jeden Morgen zu den Videoanalysten ging, ihre Erkenntnisse aufsaugte, um sie später mit dem Bundestrainer und den Kollegen zu erörtern. Er legt Löw einen neuen Führungsstil nahe, weil es inzwischen keinen mehr gibt, der morgens zu den Videoanalysten geht, um die Erkenntnisse später im Teamkreis zu erörtern. Der DFB-Auswahl ist die Identität verloren gegangen, besser gesagt: die Figuren, die Identität stiften. Damit meint er nicht Mesut Özil, bei dem die Problematik anders gelagert war. In der Debatte um ihn schlug sich der

Purer Darwinismus: In den NLZs verliert sich das Teamgefühl

der Mangel an Konfliktfähigkeit im Verband extrem nachteilig nieder. Im Grunde aber ist Özil, weiß Lahm aus den vielen Jahren des Zusammenspielens, stets gut integrierbar gewesen und leicht zu führen – sofern man ihn führt. Und genau hier liegt das Problem.

Die Nationalelf besteht inzwischen aus Profis, die in Nachwuchsleistungszentren ausgebildet wurden und nicht wie einst Lahm in ihrem Verein auf natürliche Art ihren Platz fanden. In Nachwuchsleistungszentren wird nach jeder Saison knallhart aussortiert. Darwinismus in Reinkultur hat zur Folge, dass am Ende des Selektionsverfahrens Individuen zu den Profis durchgeschleust werden, die es nie gelernt haben, in einer Interessensgemeinschaft eine Rolle einzunehmen. Auf diese neue Generation muss man anders einwirken als auf die Lahms und Schweinsteigers, die wussten, wann ihre eigene Agenda Nebensache war.

In Russland irritierten Toni Kroos und Mats Hummels auf unterschiedliche Art als überforderte Leitfiguren: Kroos lag in der Analyse des Schweden-Spiels völlig daneben, als er unkte, in Deutschland würden die Leute doch nur auf eine Niederlage der DFB-Auswahl warten. Und Hummels prangerte zwar zurecht die lasche Defensivarbeit an, fand aber offensichtlich nie Gehör: Auf seine Appelle kam nichts.

Lahm geht es um eine fundierte Aufarbeitung, der DFB kann jetzt nicht einfach zur Tagesordnung wechseln. In ein paar Jahren könnte es gut sein, dass die Leute sagen: Diese Kritik war der eigentlicher Meisterbrief des deutschen Vier-Sterne-Kapitäns.

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