Kitzbühel – Wenn er wählen dürfte, zwischen wem würde er gerne baumeln am Stahlseil? Zwischen welchen Helden des Hahnenkamms könnte er sich gut aufgehoben fühlen? Thomas Dreßen antwortet wie der Blitz: „Zwischen Hermann Maier und Daron Rahlves.“ Die österreichische „Pistensau“ ist mit sechs Erfolgen (5 Super-G, 1 Abfahrt) in den Kitzbüheler Statistiken notiert, der furchtlose Amerikaner mit zwei (1 Abfahrt, 1 Super-G). Aber Gondeln hat jeder, egal wie viele Siege, nur eine. „Thomas Dressen“ (richtig Dreßen), Deutschland, hängt nun genauso in der Reihe.
Es ist zu einer stilvollen Tradition geworden in der Gamsstadt (die Idee dazu brachte mal der Super-G-Sieger Marco Büchel auf), die Sieger vom Hahnenkamm ein zweites Mal nachzufeiern, im Sommer – und vor allem viel entspannter als nach dem Rennen. Touristen vermischen sich mit Ehrengästen, der Auflauf soll am vergangenen Samstag ähnlich groß gewesen sein wie zuletzt 2014 zu Ehren des Österreichers Hannes Reichelt.
Auf Mauritius im gleichen Hotel mit Tina Weirather
Thomas Dreßen schüttelt geduldig hunderte Hände an der Talstation, Mama Martina, Bruder Michael (nebenbei Schüler-Trainer beim SC Starnberg), Freundin Birgit, alle sind dabei, eine Blasmusik legt sich ins Zeug, und ein bisschen abseits des großen Trubels steht die österreichische Legende Ernst Hinterseer, 86 Jahre alt, dem die Gondel Nummer 40 gewidmet ist. Diese Hahnenkammbahn, wenn man am Einstieg wartet und sie wirken lässt, kommt schon daher wie eine vorbeischleichende „Hall of Fame“ des Skisports. Letzter Deutscher, der einen Ehrenplatz am Seil bekam, war im Jahre 2010 der Slalom-Feger Felix Neureuther. Auch er hatte damals, wie 2018 Thomas Dreßen, sein allererstes Weltcuprennen gewonnen.
Dreßen besteigt die Kabine von Olympiasieger und Streif-Sieger Patrick Ortlieb, um hinaufzugondeln zu jenem Ort, wo alles begann. Und ja, gerade oben am Hahnenkamm angekommen, kommt auch am Samstag die Sonne heraus. Fast wie an jenem 20. Januar, als sie für Startnummer 19 ein wenig bessere Sicht freiputzte, was der 24-jährige Mittenwalder beherzt zu nutzen wusste. 39 Jahre nach Sepp Ferstl endlich wieder ein deutscher Sieger auf der Streif. Der Start in einen unglaublichen Winter für Dreßen, mit Platz drei im Abfahrtsweltcup. „Die ganze Saison war der Wahnsinn, von Anfang bis Ende“, sagt Dreßen. Eine, die sein Leben umgekrempelt haben muss? „Geändert hat sich gar nix“, sagt er oben am Berg und muss selber lachen: „Ich muss zuhause immer noch den Hundsdreck wegräumen.“ Zuhause in Oberösterreich. Schule, Freundin, Wohnsitz, Sponsor, seine Trainer, der erste Sieg, alles hat Österreich-Bezug. Wie viel er sich noch als Deutscher fühle, wollte ein österreichischer Reporter wissen. „Ich würde schon sagen, dass ich sehr deutsch und boarisch bin“, sagt Dreßen. „Viele fragen: ,Wann fährst denn mal für Österreich?‘ Leute, das wird nie der Fall sein. Dafür habe ich zu viel Nationalstolz.“
Nix geändert? Jetzt warten sogar am 14. Juli die Fernsehteams am Starthaus der Streif, weil Thomas Dreßen kommt. Sogar Schnee ist noch da. Nicht weit entfernt sieht man ein gigantisches Depot, das auf 1700 Meter Höhe abgedeckt übersommert, um im Spätherbst verteilt zu werden. Für Dreßen hat der nächste Winter längst begonnen. In zwei Wochen steht Techniktraining am Stilfserjoch (Italien) an, ab Mitte August reisen die Abfahrer für fast fünf Wochen nach Chile.
Genau am Gondel-Fest-Wochenende wird Kitzbühel auch vom Harley-Davidson-Treffen heimgesucht, überall brummen die Motoren. Harley-Besitzer Dreßen wäre gerne mit der Maschine angebraust gekommen, sagt er, aber für seine Hobbies wird die Zeit immer knapper. Nur zwei Wochen richtigen Urlaub hatte er nach dem Winter, die er mit der Freundin Birgit auf Mauritius verbrachte. Weit weg vom Skisport. Aber wen trifft er da im gleichen Hotel? Die Skikollegin Tina Weirather aus Liechtenstein. „Wir sind einmal zusammen Essen gegangen.“
Der Skiclub Kitzbühel serviert am Berg Gegrilltes. Und nach den Interviews verzieht sich Thomas Dreßen an einen stillen Ort, einen, der sein Leben doch ein wenig veränderte. Mit den ehemaligen Schulkollegen vom Skigymnasium Saalfelden, die zu Besuch gekommen sind, sitzt er lange an der Ausfahrt des Starthauses, von dort geht der Blick steil hinunter zur Mausefalle. Rückkehr der Emotionen. Eine Gondel am Hahnenkamm wird ewig daran erinnern. Die Nummer 68.
Tags darauf wird er ans Seil gehängt. Nicht beim „Herminator“, sondern zwischen dem Österreicher Gerhard Nenning (Abfahrtssieg 1968) und dem Norweger Henrik Kristoffersen (Slalom-Siege 2016 und 2018) wird „Dressen“ den Sommer verbringen. Er kommt unten knapp vor einer Abfahrtslegende an, vor Gondel 71: Franz Klammer.