Geduld und alte Bekannte

von Redaktion

Europaweit kommt der Transfermarkt in Schwung, doch beim FC Bayern hält man sich noch zurück, bis sich eine günstige Gelegenheit ergibt

von marc beyer

München – Sie werden ihn immer noch „Coco“ nennen, wenn er im August aus dem Urlaub zurückkehrt. So wie in den letzten Monaten, als Corentin Tolisso ein sehr geschätzter Mitarbeiter des FC Bayern war, aber noch nicht wirklich ein verdienter. Dafür fehlte es in seinem Einstandsjahr in München an Gelegenheiten, weil er zunächst mit der Eingewöhnung kämpfte und später mit einer Verletzung. „Coco“, der freundliche Franzose aus dem Mittelfeld, hat im Grunde nur ein echtes Alleinstellungsmerkmal. Er ist immer noch der teuerste Bayern-Einkauf aller Zeiten.

41,5 Millionen Euro. Daran sollte man denken, wenn man die Zahlen liest, die allein in dieser Woche durch die Gerüchteküchen der Branche wabern. Ob nun die deutlich über 200 Millionen, die Real Madrid angeblich für die zwei Belgier Courtois und Hazard ausgeben will, oder die 55 Millionen, die Borussia Dortmund für Wilfried Zaha von Crystal Palace bereitlegen soll. Jeder Club, der etwas auf sich hält, wird in den typischen Nach-WM-Spekulationen mit den irrwitzigsten Transfers in Verbindung gebracht. Nur um den FC Bayern ist es auffallend ruhig.

Das hat ganz sicher nicht damit zu tun, dass der Club mit Tolisso für die nächste Saison eh schon einen Weltmeister hat. Der ist im Zentrum des Spiels beheimatet, dort also, wo bei den Bayern bereits jetzt drangvolle Enge herrscht. Neulich erst hat Hasan Salihamidzic angekündigt, dass es in diesem Teil des Kaders am ehesten zu Abgängen kommen werde. Theoretisch könnte man dort jede Position dreifach besetzen.

Die Argumentation der Bayern lautet sinngemäß: Warum sollten wir uns einen weiteren teuren Sportwagen kaufen, wenn wir schon eine Menge schnittige Boliden haben und sowieso alle Stellplätze in der Garage belegt sind? Nur weil die anderen Superreichen nach der Sportwagenmesse in Russland gleich die Autohäuser stürmen? Mit den Vorjahresmodellen sind wir genauso schnell. Und sie sind bezahlt.

Es ist nicht so, dass die Bayern gar kein Interesse mehr an guten Spielern hätten. Sie wissen aber auch, dass gerade jetzt, unmittelbar nach der WM, der ohnehin irrationale Markt so stark aufheizt, dass man sich leicht die Finger verbrennen kann. Die eindrucksvollsten Großtransfers waren in der jüngeren Vergangenheit häufig entweder jene, die mit viel Weitblick eingeleitet wurden. Franck Ribery und Luca Toni kamen auf diese Weise, und auch bei Renato Sanches wähnte man sich der Konkurrenz mehrere Schritte voraus. Das machte sich in diesem Fall allerdings nicht bezahlt, wie die Bayern nun wissen, wo der junge Portugiese von seinem Leihgeschäft aus Swansea zurück ist.

Oder aber man nutzte kurzfristig eine Transferoption, weil sich bei einem Topclub die Situation dermaßen gravierend verändert hatte, dass ein Topspieler plötzlich günstig zu haben war. So wie bei Mark van Bommel, der 2006 aus Barcelona kam, oder drei Jahre später Arjen Robben. Nicht zu vergessen die Verpflichtung von James Rodriguez vor einem Jahr, der in Madrid nicht mehr glücklich war und in München so brachial einschlug, dass ihm bei Real jetzt nachgeweint wird.

Die Ambitionen, die dem deutschen Rekordmeister nun unterstellt werden, passen allesamt in eine der beiden Kategorien. Bei Benjamin Pavard zum Beispiel, dem französischen Rechtsverteidiger, haben die Bayern ihr Interesse frühzeitig in Stuttgart hinterlegt, lange bevor er zu Weltmeisterehren kam. Günstigerweise ist beim VfB ihr alter Bekannter Michael Reschke Sportdirektor. Diese Beziehung könnte sich noch als wertvoll erweisen, wenn es stimmt, dass neuerdings auch Tottenham Hotspur bei Pavard auf den Geschmack gekommen ist.

Lothar Matthäus wiederum hat in seiner Eigenschaft als Sky-Experte gerade eine Personalie ins Spiel gebracht, die in die zweite Kategorie gehören würde: Er könnte sich Offensivmann Paulo Dybala von Juventus Turin gut in München vorstellen. Bis vor kurzem hätte ein solcher Transfer utopisch angemutet, denn der Marktwert des Argentiniers wurde noch vor Wochen auf deutlich über 100 Millionen Euro taxiert. Eine verkorkste WM und einen Ronaldo-Transfer später scheint es nicht mehr ausgeschlossen, dass Juve seine Bilanzen durch einen großen Transfer etwas ausgleicht. Aber ob deshalb ausgerechnet Dybala gehen muss? Und ob er bei Bayern landen würde? Dort wartet man noch ein bisschen ab. Das nötige Geld hätte man auf jeden Fall, auch für einen neuen Rekordtransfer.

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