Kritik an Kroatiens Präsidentin

Mutter der Nation

von Redaktion

Ein Bild vom WM-Finale ist in den letzten Tagen um die Welt gegangen. Emmanuel Macron ist darauf zu sehen, der französische Staatspräsident, wie er in der Loge ein Tor seiner Mannschaft bejubelt. Er ballt die Fäuste, boxt Löcher in die luft und brüllt seine Freude heraus. Macron lässt sich gehen wie ein 17-Jähriger beim Public Viewing.

Es ist ein wunderbares Bild, weil es einen Politiker, der sich in der Öffentlichkeit immer unter Kontrolle haben muss, in einem Moment völliger Enthemmung zeigt. Macron war mit diesem Verhalten am Sonntag nicht allein. Auch Kolinda Grabar-Kitarovic hat unvergessliche Motive geschaffen. Die kroatische Präsidentin umarmte jeden einzelnen Spieler ihrer Mannschaft, viele streichelte sie im Nacken, manche küsste sie. Von Trauer über das verlorene Finale war nichts zu sehen. Im Gegenteil, selbst das Schiedsrichtergespann bekam hautnah zu spüren, dass die Präsidentin ein sehr herzlicher Mensch ist, den keinerlei Berührungsängste plagen.

Dafür wird sie nun kritisiert, und zumindest bei einem Teil der Kritiker ist belegt, dass es sich um Männer handelt. Vieles, was ihr nun um die Ohren gehauen wird, klingt tatsächlich wie schlichtester chauvinistischer Blödsinn. Ihr Mitgefühl wird wahlweise als würdelos oder als Eskapade einer Betrunkenen verspottet. Von Vorwürfen an die Adresse Macrons ist hingegen nichts bekannt.

Man kann es auch anders sehen. Wo, wenn nicht im Stadion sollte man seinen Gefühlen freien Lauf lassen können? Und was soll eine Präsidentin den Spielern sagen, die ein atemberaubendes Turnier gespielt haben und doch am Ende mit leeren Händen dastehen? Es gibt Momente, da sollte eine Staatschefin Haltung bewahren und vielleicht auch Distanz. Aber an einem wie Sonntag sind solche Verhaltensregeln außer Kraft. Da darf man jubeln wie ein Teenager. Und trösten, als wäre man die Mutter der Nation.

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