L’Alpe d’Huez – Chris Froome von einem Fanatiker fast vom Rad gestoßen, Triumphator Geraint Thomas bei der Siegerehrung ausgebuht: Im Hexenkessel von L’Alpe d’Huez schlug der Doppelspitze des umstrittenen Sky-Teams teils blanker Zorn der Hunderttausenden Zuschauer entgegen. Sportlich war Sky im Radsport-Mekka aber obenauf: Thomas baute durch seinen zweiten Etappensieg binnen 24 Stunden die Gesamtführung aus, Froome wahrte trotz erneutem Zeitverlust alle Chancen auf seinen fünften Tour-Titel.
„Ich bin sprachlos. Ich hätte nie gedacht, dass ich heute gewinnen kann. Es ist unglaublich, ein Sieg in Gelb in L’Alpe d’Huez“, sagte Thomas, der dann mit Blick auf die Geschehnisse an den legendären 21 Kehren aber ernst wurde. „Froomey ist beinahe gestürzt. Ich weiß nicht, ob es absichtlich war, aber die Leute sind uns einfach zu nahe gekommen. Das war nicht gut anzusehen“, sagte Thomas und wandte sich an die Fans: „Wenn ihr Sky nicht mögt, okay. Buht und pfeift ruhig, das ist in Ordnung. Aber packt uns nicht an, spuckt uns nicht an.“
Der Waliser fährt weiter im Gelben Trikot, Kapitän Froome ist mit nun schon 1:39 Minuten Rückstand Zweiter – an der Hackordnung im gestern erneut dominanten Sky-Team hat sich für Thomas aber weiter nichts geändert: „Ich fahre nach wie vor für Froomey, er weiß, wie man eine Tour über drei Wochen fährt und gewinnt. Er ist eine Legende, vielleicht der beste Fahrer aller Zeiten.“
Der viermalige Toursieger Froome, der im Schlussspurt einer packenden Königsetappe erneut nicht das Hinterrad seines etatmäßigen Helfers halten konnte und Vierter wurde, wirkte nach der Zieldurchfahrt dennoch erleichtert. Der 33-Jährige, dem die Asthmamittel-Affäre immer noch nachhängt, radelte lächelnd Richtung Teamhotel.
Thomas (32) hatte in einem packenden Schlagabtausch wie am Tag zuvor in La Rosiere die größeren Reserven und setzte sich mit zwei Sekunden Vorsprung auf Tom Dumoulin (Niederlande/Sunweb) durch. Dritter wurde Romain Bardet (Frankreich/AG2R) mit drei Sekunden Rückstand vor Froome, der vier Sekunden hinter Thomas lag – allerdings kassierte dieser als Etappensieger zehn Bonussekunden.
Dumoulin liegt als Dritter der Gesamtwertung (+1:50 Minuten) noch in Schlagdistanz. Gestern verpasste er den ersten Sieg eines Niederländers am „Berg der Holländer“ seit 29 Jahren knapp. Zudem riss in L’Alpe d’Huez die Serie der Franzosen, die zuletzt dreimal in Serie mit Pierre Rolland (2011), Christophe Riblon (2013) und Thibaut Pinot (2015) im größten „Stadion“ des Radsports triumphiert hatten.
Auf den letzten Kilometern hatten sich Froome, Thomas, Bardet und Dumoulin belauert, es kam fast zu Stehversuchen. Im Schlusssprint zog Thomas dann beeindruckend davon. Der Kolumbianer Nairo Quintana (Movistar) hatte sechs Kilometer vor dem Ziel abreißen lassen müssen und büßte endgültig alle Chancen auf den Toursieg ein.
Nibali: Verdacht auf Wirbelbruch
Ex-Tour-Sieger Vincenzo Nibali, Vierter des Gesamtklassements, stürzte rund fünf Kilometer vor dem Ziel schwer – ihm droht nun das Tour-Aus. Der italienische Profi vom Team Bahrain-Merida wurde mit Verdacht auf einen Wirbelbruch ins Krankenhaus eingeliefert. Nibali war laut eigenen Angaben nach einem Zusammenstoß mit einem Polizeimotorrad zu Fall gekommen. Er fuhr unter Schmerzen ins Ziel. Das vor ihm fahrende Motorrad sei „plötzlich langsamer geworden, und ich traf es“, sagte Nibali.