München – Ganz vorne in der ersten Vitrine liegen die Handschuhe. Ein einfaches Paar aus festem Stoff, die Gebrauchsspuren sind noch frisch. Kein Wunder, der Besitzer hat sie fleißig benutzt, wann immer er zuletzt Hecken getrimmt, Pflanzen gedüngt und Rasen gemäht hat. „Ich habe einen wunderschönen Garten“, sagt Jupp Heynckes an diesem Vormittag stolz. Er wird sich nun ein neues Paar Handschuhe zu dessen Pflege zulegen müssen.
Zwei Monate ist Heynckes nun nicht mehr Trainer des FC Bayern, schon ehrt ihn der Verein mit einer Ausstellung in seiner Erlebniswelt. Das ist ungewöhnlich flott, aber die Geschichte des Mannes, der nun endlich wieder Rentner sein darf, ist ja auch ungewöhnlich. „Persona gratissima“ nennt ihn Karl-Heinz Rummenigge am Freitag. Ohne Heynckes und dessen Nothilfe nach der Ancelotti-Entlassung im Oktober, fürchtet der Vorstandsvorsitzende, wäre der FC Bayern in der vergangenen Saison titellos geblieben.
Und was für Exponate die Bayern ausfindig gemacht haben. Klar, die Torjägerkanone von 1975 darf so wenig fehlen wie alte Bälle, alte Trikots, alte Schuhe. Die wirklich erstaunlichen Einblicke gewinnt der Besucher aber vor anderen Vitrinen. Heynckes’ Gesellenbrief als Stuckateur ist dort zu sehen. Fotos aus Kinderzeiten, die ihn mit seinen neun Geschwistern zeigen. Und eine CD-Sammlung.
Letztere ist ein Exponat mit Hintersinn. Zum einen belegt es, dass Heynckes’ Lieblingsmusiker – Sammy Davis jr., Queen, Bruce Springsteen, Elvis Presley, Roy Orbison – auch schon ein paar Jahrzehnte älter sind. Zum anderen steht es dafür, dass ein Musikfan in den Sechzigern und Siebzigern beheimatet sein kann, ohne in der Szene von heute zu fremdeln. Denn das ist es ja, was selbst junge, extrem trendbewusste Profis an Heynckes immer wieder besonders hervorheben: Dass er stets Mensch bleibt und zu jedem einen Draht findet. Seine Spieler, berichtet Heynckes sichtlich amüsiert, „waren erstaunt, dass ich Lady Gaga kenne. Oder Jeromes Musik.“
Nicht ausgestellt ist die Schweinsblase, mit der alles begann. Sie war der erste Fußball, den Heynckes, Jahrgang 1945, als kleiner Junge in den Nachkriegsjahren traktierte. „Was soll nur aus dem Jungen werden“, klagte die Mutter, wenn der Bub mal wieder nur ans Kicken dachte.
Fußball war damals nicht nur ein Spiel für ihn, sondern im Laufe der Jahre auch ein Vehikel zum sozialen Aufstieg. „Ich war immer anders als andere“, erinnert er sich. Früh erkannte er, dass Erfolg auch eine Frage des Verzichts ist: „Kein Alkohol, kein Tabak, immer früh schlafen.“ Bis heute ist Jupp Heynckes ein bescheidener, bodenständiger Charakter, wie man ihn in der Branche selten findet. Aber in diesem Punkt pflegt er ein sehr gesundes Selbstbewusstsein, das er auch seinen Schützlingen mit Nachdruck vermittelt: „Ich habe meine Ziele mit Besessenheit verfolgt. Es ist kein Zufall, dass ich ein erfolgreicher Spieler und Trainer wurde.“
Am Ende des Films, den die Bayern zu Ehren ihres Trainers und Freundes produziert haben und in dem Heynckes auf einer Gartenbank über sein Leben spricht, läuft Cando durchs Bild. Der Schäferhund ist in den vergangenen Monaten ein unverzichtbares Thema gewesen, wann immer es in Interviews um den Menschen Heynckes ging, um die Vorzüge des Rentnerlebens und all die Entbehrungen, die mit dem Acht-Monats-Engagement verbunden waren. Explizit und nur mit einer ganz kleinen Prise Humor dankt Rummenigge in seiner Laudatio nicht bloß Heynckes’ Ehefrau Iris sowie Tochter Kerstin, die an diesem Tag mitgekommen ist. Sondern eben auch Cando: „Weil sie alle in den letzten Monaten auf Dich verzichten mussten.“
Im August ist er wieder in München
Inzwischen hat der Alltag in Schwalmtal den Trainer a. D. wieder fest im Griff. Wenn man ihn dort erlebe, „wird mich keiner fragen: Was machst du den ganzen Tag?“ Zu tun gibt es immer. Er steht schon um Sechs auf, kümmert sich um die Tiere, geht regelmäßig schwimmen, nicht zu vergessen die viele Gartenarbeit. Das einzige Privileg, das Heynckes gelten lässt, ist die Freizeit auf der Terrasse, wenn er nach dem Frühstück einfach sitzen bleibt. „Diesen Luxus hat man als Trainer nicht.“ Dann liest er Zeitung und hört Musik. Wenn auch nicht unbedingt die Hip-Hop-Favoriten von Jerome Boateng.
Karl-Heinz Rummenigge überreicht ihm am Ende seiner kurzen Rede einen roten Janker, wie ihn alle früheren Vereinsgrößen tragen, die den Status einer „Legende“ haben. An den Ärmeln ist er ein bisschen kurz geraten, aber ansonsten tadellos. Man wird Jupp Heynckes in München wiedersehen, schon im August zum Abschiedsspiel für Bastian Schweinsteiger und dann sicher auch regelmäßig bei Meisterfeiern, wenn der Club alle seine Legenden aufbietet. Aber jetzt geht es erst mal zurück auf seinen Bauernhof. „Liebe Grüße an Deine Frau“, sagt Rummenigge. Kurze Pause. „Und an Deinen Hund.“