Saint-Lary-Soulan – Jetzt trennen Geraint Thomas bei der Tour de France nur noch eine Pyrenäen-Kletterei und ein Zeitfahren vom größten Triumph im Radsport. Nach einer Machtdemonstration auf der brandgefährlichen Mini-Etappe hoch zum Col du Portet schnaufte der Waliser im Gelben Trikot gestern erschöpft, aber glücklich aus, als er seine Führung in der Gesamtwertung ausgebaut und die Hierarchie im Team Sky endgültig geregelt hatte. Durch den Einbruch des nominellen Kapitäns und Seriensiegers Christopher Froome kurz vor dem Ziel ist Thomas die größte Bürde los und kann sich allmählich auf die glorreiche Siegerparade in Paris am Sonntag freuen.
„So ist der Radsport, so ist die Tour, so etwas passiert“, sagte der geschlagene und bald entthronte Froome, als er sich auf 2215 Metern Meereshöhe ein Lächeln abrang. Sein Teamkollege sei „exzellent gefahren, ich glaube, er wird auch in Paris das Gelbe Trikot tragen“.
Thomas stand so beseelt wie noch nie bei dieser 105. Tour auf dem Siegerpodest, lehnte voreilige Glückwünsche aber noch ab. „Alles kann noch passieren“, sagte er. „Es war heute sehr schwer, meinen Platz zu verteidigen.“ Das sah man ihn während der nur 65 Kilometer nicht an. Beim Tagessieg des im Gesamtklassement distanzierten Kolumbianers Nairo Quintana ließ Thomas seinen ärgsten Rivalen keine Chance und errang sogar noch Platz drei. „Es fühlt sich gut an“, sagte er nach dem Kletter-Sprint über drei Berge.
Vier Tage vor dem Finale auf den Champs-Élysées führt er das Klassement mit 1:59 Minuten Vorsprung auf den neuen Zweitplatzierten Tom Dumoulin aus den Niederlanden an. Froome rutschte auf den dritten Rang, den viermaligen Tour-Champion trennen 2:31 Minuten von Thomas. „Fast zwei Minuten vor dem Zeitfahren sind ein gutes Polster für ihn“, meinte Froome über den Vorsprung seines Kumpels auf Dumoulin. Nach der letzten Bergetappe morgen wird die Tour einen Tag später im Kampf gegen die Uhr über 31 Kilometer endgültig entschieden.
Bester Deutscher wurde Simon Geschke auf dem 34. Platz. Peter Sagan stürzte als Träger des Grünen Trikots und erreichte mit Schürfwunden und Beulen das Ziel. Das knüppelharte Teilstück war eine der letzten Möglichkeiten für die Siegaspiranten, das Klassement noch einmal auf den Kopf zu stellen. Letztlich aber parierte die einmal mehr kaum zu bezwingende Sky-Armada alle Attacken – bis auf jene von Quintana.
In ernsthafter Gefahr schien Thomas nie, auch als auf dem letzten, langen und steilen Anstieg seine Gegner immer wieder Angriffe riskierten. Aber weder Dumoulin noch der Slowene Primoz Roglic konnten sich absetzen. Im spannenden Finish hin zum höchsten Punkt der Tour gingen dann Froome die Kräfte aus, er verlor 48 Sekunden auf Thomas. Auch der französische Hoffnungsträger Romain Bardet konnte das Tempo nicht halten und rutschte auf den achten Platz zurück.
„Ich bedauere nichts“, sagte der geschlagene Froome, dessen Ziel vom fünften Tour-Triumph und dem vierten Sieg bei einer Grand Tour in Serie nicht erreichbar scheint. „Ich hatte am Ende keine Beine mehr“, sagte Froome und lobte: „Geraint hat bislang keine Fehler gemacht.“ Aus dem Co-Kapitän bei Sky ist gestern der klare Leader geworden.