Serie A

Liga der Träume und Täuscher

von Redaktion

Von Tobias Gmach

Turin – Was ein Mann alleine bewegen kann – zumindest wenn es nach José Mourinho geht. Für den Trainer von Manchester United ist klar: Der Wechsel von Cristiano Ronaldo zu Juventus Turin katapultiert die ganze italienische Liga auf ein neues Niveau – sowohl sportlich als auch in Sachen Popularität. „Die Serie A ist jetzt zu einer der wichtigsten Meisterschaften der Welt geworden. Ronaldo ist in jeder Hinsicht ein Kracher – ein Volltreffer im sportlichen Bereich, in der Werbung und im Merchandising“, sagte Mourinho dem italienischen Sender „Tele Radio Stereo“. Er kennt Ronaldo gut, trainierte ihn in Madrid von 2010 bis 2013. Einen Schub nach vorne prophezeit der Serie A auch der ehemalige Starstürmer Christian Vieri. Als sich Ronaldos 112-Millionen-Euro-Wechsel andeutete, sagte er: „Für den italienischen Fußball wäre es wie ein Lottogewinn.“

Vergleichbare Superlative kreierte das Fußball-Land, als Diego Maradona 1984 vom FC Barcelona zum SSC Neapel wechselte. Die Tifosi sangen „Ho visto Maradona!“ („Ich sah Maradona“) – als wäre ihnen der Messias persönlich erschienen. Aber er war nicht der einzige: In Turin zauberte Michel Platini, der Franzose wurde dreimal in Folge Europas Fußballer des Jahres. Diese Auszeichnung schnappte sich Lothar Matthäus im Inter-Dress dann 1990 – und setzte den Weltfußballer-Titel noch drauf. In der Serie A ließ sich damals nicht nur viel Geld verdienen, der Wettbewerb der Topklubs aus Mailand, Turin und Neapel hob das sportliche Niveau. Die Niederländer Ruud Gullit und Marco van Basten stürmten beim AC Mailand, die Deutschen Andreas Brehme und Jürgen Klinsmann reiften bei Inter zu Weltstars.

Den schillernsten von ihnen wollten alle sehen, zu den Maradona-Festpielen kamen 80 000 Menschen, der Ligaschnitt lag in der Saison 1984/85 bei fast 40 000 Zuschauern. Und heute? 2017/18 waren es gerade mal 25 000. Seit Anfang der Nullerjahre halten explodierende Preise, randalierende Hooligans und veraltete Stadien viele Fans fern. Gut möglich, dass Ronaldo bei Auswärtsauftritten sämtliche Stadien zwischen Genua und Neapel füllen wird. Ein wahrer Starsog wie einst ist aber nicht zu erwarten. Und: Die großen Probleme der Serie A – Korruption, Doping und Gewalt in den Fankurven – bleiben. Italiens Eliteklasse war schon immer eine Liga, in der Träume wahr werden können. Aber auch eine, in der sich Täuscher gerne ausleben.

Aktuelles Beispiel: Chievo Verona droht der Zwangsabstieg in die Serie B. Laut einem Bericht der „Gazzetta dello Sport“ beantragen die Ankläger des italienischen Verbands FIGC den rückwirkenden Abzug von 15 Punkten für Chievo wegen Bilanzfälschung. Verona, in der vergangenen Saison Tabellen-13. mit fünf Zählern Vorsprung auf die Abstiegsplätze, müsste damit doch noch absteigen. Der Verein soll seine Bilanz geschönt haben, dank fiktiver Spielertransfers sei ein Finanzüberschuss von über 25 Millionen Euro entstanden. Chievo weist die Vorwürfe auf seiner Homepage zurück.

Wegen angeblicher Spielmanipulation beschäftigte Aufsteiger Parma Calcio zuleletzt den FIGC. Er ließ rund um das letzte Serie-B-Spiel Parmas bei Spezia Calcio (2:0) ermitteln. Parma hatte die Zweitligasaison als Zweiter beendet, punktgleich mit dem Dritten Frosinone Calcio, der später in den Play-offs den Aufstieg schaffte. Zwei Parma-Spieler sollen zwei Spezia-Profis per SMS beeinflusst haben. Der Verband beschloss am Montag, dass der Verein in der Serie A starten darf – allerdings mit fünf Punkten Rückstand.

Einen Zwangsabstieg erlebte Juventus vor zwölf Jahren, der Klub musste zwei gewonnene Meisterschaften wieder abgeben. Die Folge eines Korruptionsskandals, der im Frühsommer 2006 die ganze Liga erschütterte. Die Hauptfigur: Juves Manager Luciano Moggi. Als die Staatsanwälte wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung und Sportbetrugs gegen ihn ermittelten, konzentrierten sie sich auf Moggis Hauptwaffen: seine Handys. Über 400 Telefonate führte er zeitweise am Tag. Unter anderem mit Schiedsrichterobermännern. Die Unparteiischen sollten für Juve zwei Augen zudrücken, starke gegnerische Spieler sperren und Elfmeter verweigern. Sie machten es. Moggi erschuf ein Manipulationssystem, in das auch die Vereine Lazio Rom, AC Florenz und AC Mailand verstrickt waren. Nach einem fünfjährigen Berufsverbot verhängte die Disziplinarkommission des Verbands 2011 schließlich eine lebenslange Sperre gegen Moggi.

Manipulationsversuche ziehen sich durch die Geschichte der Serie A, Dopingfälle gab es bereits in den 1960ern. Auffallend häufig – und prominent – waren sie Anfang der 2000er: Mit Steroiden verunreinigte Nahrungsergänzungsmittel waren im Umlauf – und definitiv leistungsfördernd.

Der Argentinier Matías Almeyda, WM-Teilnehmer 1998 und 2002, schrieb später ein Buch über die Schattenseiten des Fußballs. Beim AC Parma, wo er zwischen 2000 und 2002 aktiv war, hätten die Spieler vor dem Anpfiff Flüssigkeiten gespritzt bekommen. „Sie haben gesagt, es sei eine Vitamin-Mischung, aber bevor ich auf’s Spielfeld ging, konnte ich bis zur Zimmerdecke springen“, schrieb Almeyda. Positiv getestet wurden in jenen Jahren auch die Holländer Jaap Stam (Lazio) und Edgar Davids (Juve). Einen gewissen Pep Guardiola, damals defensiver Mittelfeldspieler bei Brescia Calcio, sperrte der Verband für vier Monate.

Das Problem gehört nicht der Vergangenheit an: In der abgelaufenen Saison griff die nationale Doping-Agentur zweimal durch. Fabio Lucioni, Kapitän von Benevento Calcio, hatte vom Mannschaftsarzt Walter Giorgione das Steroid Clostebol verabreicht bekommen. Lucioni wurde ein, der Arzt vier Jahre aus dem Verkehr gezogen. Sechs Monate gesperrt ist seit Mai der Brasilianer Joao Pedro von Cagliari Calcio.

In Turin dürfte das Problem des 15. der vergangenen Spielzeit niemanden interessieren, zu viel Ronaldo-Glamour liegt über der Stadt. Selbstverständlich meldet sich da auch der Ex-Manager Moggi wieder zu Wort. Für ihn ist CR7 laut Medienberichten im Bereich Sport „die größte Werbeagentur der Welt“. So ist es: Innerhalb von drei Wochen steigerte die Klub-Aktie an der Mailänder Börse ihren Wert um 30,6 Prozent, was laut „Corriere dello Sport“ einem Kapital-Plus von 212 Millionen Euro entspricht. Auch im Netz boomt die alte Dame auf einmal: 1,5 Millionen zusätzliche Follower auf Instagram, zwei Millionen mehr auf Facebook und Twitter.

Einerseits zieht Juve die Liga nach oben: Als Aushängeschild und absoluten Superstar beerbt Ronaldo nun Zlatan Ibrahimovic, der den AC Mailand 2012 Richtung Paris verließ. Auch dank der guten Turiner Leistungen in der Champions League überholte die Serie A 2017 die Bundesliga in der Fünf-Jahres-Wertung der UEFA.

Doch mit dem Wiederaufschwung der alten Dame ist auch die Eintönigkeit wieder in der Liga eingekehrt. Seit 2012 hieß der Meister jedes Jahr Juventus. Wenn künftig Torgarant Ronaldo neben Mario Mandzukic, Paulo Dybala und Gonzalo Higuain stürmt, wird die Dominanz wohl noch wachsen. Verhindern könnte das allerdings ein US-amerikanischer Hedgefonds. Die Anlagengesellschaft Elliot übernimmt nun den AC Mailand. Der chinesische Unternehmer Li Yonghong, der den Klub 2017 von Silvio Berlusconi gekauft hatte, ist zahlungsunfähig. Elliot könnte wieder ordentlich Geld in das Team von Trainer Gennaro Gattuso pumpen.

Bis vor kurzem sah es außerdem so aus, als könnten sich die Mailänder voll auf die Liga konzentrieren. Wegen Verstößen gegen das Financial Fairplay – mehr Ausgaben als Einnahmen – hatte die UEFA das Team von der Europa League ausgeschlossen. Der AC legte Einspruch beim Internationalen Sportgerichtshof ein – mit Erfolg. Die Strafe sei unverhältnismäßig, lautete das Urteil in Lausanne. Trotzdem zeigt der Fall aufs Neue: In den Grauzonen der bunten Fußballwelt sind die Vertreter der Serie A Stammgäste.

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