München – Der Mann, der den deutschen Fußball in Aufruhr versetzt hat, dehnte sich gestern auf einer blauen Gymnastikmatte in Singapur. Mesut Özil ist mit seinem Club, dem FC Arsenal, ins ferne Land gereist, um sich auf die neue Saison vorzubereiten – und natürlich, um ein paar Marketingaufträge zu erfüllen. Und während sich Özil in Singapur dehnt und streckt, wird in Deutschland noch immer diskutiert, welche Folgen sein vorwurfsvoller Rücktritt aus dem Nationalteam jetzt eigentlich hat.
Nur der DFB schweigt weiter. Eine Pressemitteilung hat der Verband zwar versendet, die Hauptfiguren aber sind verstummt. Von Präsident Reinhard Grindel, Manager Oliver Bierhoff und auch Trainer Joachim Löw ist nichts zu hören. Dafür finden sich zahlreiche andere Wortmeldungen. Der Vorstandschef des FC Bayern, Karl-Heinz Rummenigge, betonte etwa, dass die Causa Özil „viele Verlierer“ im deutschen Fußball hervorgebracht hat. „Özil selber, aber auch der DFB haben eine merklich schlechte Figur abgegeben.“
Auch Rudi Völler griff Özil an. Zwar seien in dessen Rücktritts-Erklärung „ein paar Dinge nicht ganz verkehrt“ gewesen, sagte der Sportdirektor von Bayer Leverkusen bei „Sky“, „aber mehr als die Hälfte war etwas übertrieben und Blödsinn“. Wegen Özils monatelangem Schweigen zu den Erdogan-Fotos habe das Thema „ganz Deutschland genervt“. Deshalb sei es „sicherlich ein großer Fehler“ gewesen, dass sich Özil erst so spät äußerte. Die harsche Kritik von Bayern-Präsident Uli Hoeneß geht Völler aber etwas zu weit: „Er ist ja sehr direkt. In der Hinsicht war es vielleicht ein Tick zu viel des Guten.“ Hoeneß hatte unter anderem erklärt: „Ich bin froh, dass der Spuk vorbei ist. Der hat seit Jahren einen Dreck gespielt.“
Rummenigge und Hannovers Manager Horst Heldt kritisierten derweil den DFB. Rummenigge wiederholte seinen Wunsch, dass beim Verband künftig „die Profis etwas mehr das Sagen haben und die Nationalmannschaft bei allem Respekt vor den Amateuren und deren Ligen die wichtigste Mannschaft des Landes ist“. Heldt nannte das Verhalten im „Socrates“-Magazin „desaströs“. Die DFB-Spitze habe „in der Kommunikationsstrategie einfach versagt“.
Mit Blick auf den Führungsstil im Verband meldete sich auch ein ständiger DFB-Kritiker zu Wort. Engelbert Kupka, früher Präsident der SpVgg Unterhaching, sagte: „Grindel und auch Koch sind wie ein Schilfgras im Wind. Sie biegen sich hin und her, sobald es um ihr Amt geht. Das ganze Management ist in keiner Weise professionell.“
Arsenal begegnete Özil durchweg mit Verständnis. Vereinsboss Ivan Gazidis erntete Applaus der gesamten Mannschaft, als er den sichtlich bewegten Özil in seiner Rede bei der Team-Grillparty verteidigte. Er sei stolz, dass Arsenal ein multikultureller Club sei, betonte Gazidis und hob Özil als leuchtendes Beispiel für die Vielfalt hervor.
Der neue Teammanager Unai Emery lobte Özils „großartige Mentalität“ und betonte, er werde dem Star in dieser „sehr, sehr persönlichen Sache“ helfen. Emery will Özil „das Gefühl geben, dass er bei uns zu Hause ist, wie in einer Familie“. Die Mannschaft, betonte Torwart Petr Cech vor dem Test gegen Atletico Madrid, werde dafür „alles tun“. Schließlich sei Özil ein „Schlüsselspieler“ – und ein Kandidat für das vakante Kapitänsamt. mm/sid