Frankfurt – Schon vor drei Wochen ist dem Deutschen Fußball-Bund dringend und konkret geraten worden, sich mit einer eindeutigen Aussage in Richtung Mesut Özil und der Öffentlichkeit zu positionieren, um verhärtete Fronten aufzuweichen. Es hat bedauerlicherweise 20 Tage gedauert, ehe der Verband den Rat befolgte. Und leider ist seitdem so viel kaputtgegangen, dass das gestern um 10.15 Uhr auf der DFB-Webseite veröffentlichte Statement von Präsident Reinhard Grindel zu spät kommt.
Der derzeit in Österreich urlaubende Verbandschef räumte in seiner persönlichen Erklärung den zentralen Kardinalfehler ein: „Rückblickend hätte ich als Präsident unmissverständlich sagen sollen, was für mich als Person und für uns alle als Verband selbstverständlich ist: Jegliche Form rassistischer Anfeindungen ist unerträglich, nicht hinnehmbar und nicht tolerierbar. Das galt im Fall Jerome Boateng, das gilt für Mesut Özil, das gilt auch für alle Spieler an der Basis, die einen Migrationshintergrund haben.“
Jetzt fragt man sich konsequenterweise: Wie authentisch ist das, was Grindel da von sich gibt? Oder ist es bloß dem ungeheuren öffentlichen Druck geschuldete Taktik? Hätte er diesen Satz Anfang Juli so formuliert, nachdem sich die Anti-Özil-Stimmung in den sozialen Netzwerken und vielen Kommentarspalten zu einer Feuerwalze gegen den Fußballer aufgeheizt hatte, wäre vielleicht noch mühsam etwas zu kitten gewesen in dem zerrissenen Verhältnis zwischen der im Übermaß beratergesteuerten Özil-Seite und dem DFB. Und: Grindel sowie Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff, der zwischenzeitlich ebenfalls mit Wucht in einen Shitstorm geriet, weil er sich nicht ausreichend schützend vor Özil gestellt hatte, hätten sich persönlich eine Menge erspart.
Es bleibt unergründlich, warum die beiden so medienerfahrenen Männer sich nach ihren unglücklichen Aussagen in zwei ansonsten sehr ausgewogenen Interviews Anfang Juli dermaßen beratungsresistent erwiesen haben und somit der gnadenlosen Abrechnung am Sonntag Nahrung gaben. Eine Abrechnung, die die Gräben noch tiefer aushob und die dem türkischen Autokraten Recep Tayyip Erdogan wunderbar in die Karten spielte. Der ist der eigentliche Sieger zwischen den Verlierern Deutschland, DFB und Mesut Özil. Vermutlich hat Europaexperte Alexander Graf Lambsdorff (FDP) Recht, wenn er sagt: „Die Özil-Story ist für Erdogan wie ein Sommermärchen.“
Umstrittener als jeder Regierungspolitiker
Für den DFB-Präsidenten ist sie dagegen so schmerzhaft wie ein Vollspannstoß in die sensibelste Körperregion. „Ich gebe offen zu, dass mich die persönliche Kritik getroffen hat“, schrieb der 56-Jährige, dessen Urlaubsfreude mit der Frau und dem im Grundschulalter befindlichen Sohn erheblich getrübt ist. Der Ex-Bundestagsabgeordnete ist jetzt die umstrittenste Führungsfigur der Republik, noch vor jedem Regierungspolitiker.
Es ist erstaunlich, wie ungnädig Grindel zerlegt wurde für einen Satz, den er nach dem WM-Aus formulierte, den freilich vor dem Turnier viele Menschen, und beileibe nicht nur Rechtsausleger, genauso von ihm gefordert hatten: Er erwarte von Özil, dass dieser sich „auch in seinem eigenen Interesse öffentlich äußern sollte“. Unterschlagen wurde in vielen Veröffentlichungen Grindels Nachsatz: „Es gehört zur Fairness, einem verdienten Nationalspieler, der einen Fehler gemacht hat, diese Chance zu geben.“
Der Furor, mit dem große Teile der Öffentlichkeit und später auch die Özil-Seite reagierten, hier sei einer zum alleinigen „Sündenbock“ für das WM-Aus gemacht worden, ließ diese wichtigen Anmerkungen schlicht außer Acht. Interessant ist vor diesem Hintergrund auch, wie vergleichsweise glimpflich Anfang dieser Woche Uli Hoeneß mit seiner Fundamentalkritik an Özil („Hat seit Jahren einen Dreck gespielt und keinen Zweikampf mehr gewonnen“) davonkam. Man stelle sich nur vor, Grindel hätte auch nur im Ansatz ähnlich niveaulos gesprochen – er hätte seine Wanderungen in Österreich als Ex-Präsident verrichten können.
Stattdessen kämpft der angeschlagene Mann weiter um sein Amt, das ihm inklusive der Berufungen in die Regierungen der UEFA und FIFA ein sechsstelliges Einkommen garantiert, ihm aber bislang nicht annähernd die erhoffte Anerkennung in Gesellschaft und Fußballbranche einbrachte. Sondern vor allem Hohn und Spott.
Mitbewerber Türkei macht Stimmung
Worauf Grindel nun vor allem hofft, wird in den abschließenden Worten seiner Erklärung deutlich: „Wir alle haben das große gemeinsame Ziel, den Zuschlag für die Ausrichtung der EM 2024 zu bekommen.“ Die Entscheidung fällt die Uefa am 29. September zwischen den Kandidaten Deutschland und Türkei. Die „FAZ“ berichtet, die Uefa registriere aktuell den Versuch des türkischen Bewerbers, „die Verwerfungen um Özil gezielt zu nutzen, um unter Funktionären eine Antipathie gegen Deutschland zu wecken“.
Insoweit haben Özil und seine türkischen Berater mit ihrem konkreten Rassismusvorwurf an Grindel einen für den DFB sehr unfruchtbaren Boden bereitet. Einen Boden, den die unzähligen unerträglichen Kommentatoren mit ihren viralen Kampagnen gegen Özil als Sinnbild für ihre Abneigung gegen Türken weiter austrocknen.
Erdal Keser, der ehemalige Leiter des Europabüros des türkischen Fußball-Verbandes, sagte der dpa, er würde „vielleicht nicht von Rassismus sprechen, sondern von Türkenfeindlichkeit.“ Normalerweise sei „der Fußball dazu da, um Brücken zu bauen. Derzeit wird er dafür genutzt, um die Leute politisch gegeneinander aufzuwiegeln“.
Glaubt man Grindel, dann will er sich dem Thema stellen: „Wir müssen die Debatte zum Thema Integration und den veränderten Resonanzboden in unserer Gesellschaft zum Anlass nehmen, unsere Arbeit in diesem Bereich weiterzuentwickeln und zu fragen, wo und wie wir neue Impulse setzen können.“ Er wolle sich „als DFB-Präsident dieser Debatte nicht entziehen“.