Standhaft auch im Gegenwind

von Redaktion

Widerstand hat Florian Weißmann oft gespürt. Und gelernt, damit umzugehen. Als Kreisjugendleiter in München musste er erst mal zwei Jahre lang „das Umfeld ordnen, Ruhe und Disziplin auf den Platz bringen, Konflikte lösen. Mein Vorteil war, dass ich die Sprache der Jugend spreche, damit konnte ich sie leichter packen.“ Er ist viel unterwegs gewesen, hin zu den „Problemklubs“, hat viel geredet, viel befriedet, zerstrittene Vereine wieder zusammengeführt: „Fußball verbindet ja auch.“ Im Kinderfußball hat er die Erwachsenen an den Tisch gebeten und ihnen knallhart vorgehalten: „Das Problem sitzt hier.“ Man müsse Kinder vor Erwachsenen schützen, sagt er. Er hat die Eltern in eine Zone weiter abseits des Spielfeldes verbannt, das Erfolgsdenken der Trainer kritisiert, er hat neue Spielformen eingeführt, nicht Ergebnisse und Tabellen, sondern Ausbildung und Spaß in den Mittelpunkt gerückt. Nicht allen hat das gefallen, doch es hat gewirkt. Die Konflikte, sagt Weißmann, wurden seltener.

Florian Weißmann ist sicher kein bequemer Mensch. Womöglich hat ihn gerade das qualifiziert für den Posten des Verbandsjugendleiters, auf den ihn die Delegierten beim Verbandstag im Mai als Nachfolger von Karl-Heinz Wilhelm gewählt haben. Für Weißmann darf Jugendfußball nicht zur Mini-Ausgabe der Bundesliga werden, „Fußball wie bei den Erwachsenen, das passt hier nicht“. Das Training müsse altersgerecht sein, das Erfolgsdenken dürfe keine Rolle spielen, zumindest nicht bei den Kleinen. Kindern Spaß am Fußball vermitteln, möglichst langfristig, das will Florian Weißmann.

Neue Spielformen bei den Kleinsten

Auch deshalb hat Matthias Lochmann bei ihm offene Türen eingerannt. Lochmann ist Sportwissenschaftler an der Uni Erlangen und hat in Bayern Funiño eingeführt, eine Spielart des Fußballs, die Spaß und Lerneffekte vereint. Gespielt wird auf vier kleine Tore, ohne Torwart, jeder Spieler hat gleich große Einsatzzeiten. Weißmann hat Funiño-Festivals im Kreis München organisiert und ist begeistert: „Spannend zu sehen ist, was Funiño aus Kindern macht: Vergleicht man die ersten mit den letzten Minuten bei einem Festival, sieht man gigantische Entwicklungen.“ Natürlich gab es auch da manche Stimmen, die finden, das sei kein Fußball. „Die Leute orientieren sich halt immer an den Profis.“

Gegenwind ist Weißmann gewohnt, am schärfsten blies er ihm entgegen, als er bei den F-Junioren die Fair Play-Liga eingeführt hat. Spiele ohne Schiedsrichter, die Eltern weiter weg vom Spielfeld, die Trainer greifen nur noch ein, wenn die Kinder sich nicht selbst einigen. Das war gewöhnungsbedürftig, „die meisten Jugendleiter waren erst dagegen.“ Weißmann aber erklärte ihnen: „Es geht doch um Kinderfußball, das Wort Erwachsene kommt da nicht vor.“ Inzwischen hat sich das eingespielt, „Eltern müssen loslassen können, Trainer umdenken“. Nur noch vereinzelt würden einige das System ausnutzen, zu ihren Gunsten, für den Erfolg. „Natürlich wollen auch die Kinder gewinnen, deshalb lasst sie einfach spielen, freut euch mit ihnen bei Siegen, tröstet sie bei Niederlagen und unterstützt sie.“ Kinder, glaubt Weißmann, „können damit besser umgehen als Erwachsene“.

Dass man ausgefahrene Wege verlassen muss, zeigen Weißmann die aktuellen Zahlen: Bei den Mannschaftsmeldungen im E- und F-Jugendbereich ist die Zahl in Bayern von 7770 im Vorjahr auf 7030 zurückgegangen, noch könne man sich noch kein Urteil bilden, ob daran die Bevölkerungsentwicklung oder nachlassende Attraktivität des Fußballs schuld ist. Rückenwind durch die WM ist auch ausgeblieben. Generell müsse man sich Fragen stellen: „Sind Eltern weniger interessiert an regelmäßigen Angeboten für ihre Kinder? Was ist der Verein für sie? Nur ein Kita-Ersatz? Wie steht es um die gesellschaftliche Funktion, wie mit der Identifikation?“ Am Geld kann es nicht liegen, in den meisten Vereinen kostet eine Stunde Betreuung weniger als 50 Cent, eigentlich ein Witz.

Noch immer gebe es genügend Ehrenamtliche, die sich im Verein engagieren. „Weil es um die Kinder geht“, die eine Heimat im Fußball finden sollen. Allerdings sei schon zu spüren, dass eine sich verändernde Arbeitswelt Probleme schafft, „wer kann schon um 16 Uhr trainieren, wer hat am Wochenende immer Zeit?“ Noch aber seien die Zahlen in Bayern gut, „aber wir müssen schon schauen, dass wir den Fußball als Sportart Nummer eins so attraktiv halten.“

Warum immer nur 11 gegen 11?

Da müsse man halt auch mal umdenken, neue Spielformen zulassen, wie eben Funiño. „Und warum muss man immer 11 gegen 11 spielen, nur weil die Bundesliga so spielt?“ Gerade im Bereich der A-Junioren klagen viele Vereine, vor allem abseits der Metropol-Regionen, über akuten Spielermangel. Spielgemeinschaften sind eine Lösung, aber, fragt Weißmann, „warum soll man nicht 7 gegen 7, 8 gegen 8 oder 9 gegen 9 spielen lassen? Das können dann die Vereine selbst untereinander regeln, auch die Spielfeldgröße anpassen.“ Schließlich gehe es doch darum, „dass alle Jugendlichen, die Bock haben, Fußball spielen können“. Nicht nur um Talentförderung, die natürlich auch wichtig ist und zu Weißmanns Aufgaben als Verbandsjugendleiter zählt.

In diesem Bereich aber sieht er Bayern sehr gut aufgestellt, es gibt acht vom DFB zertifizierte, dazu 18 BFV-Nachwuchsleistungszentren und 46 DFB-Stützpunkte, „zumindest von der Idee her hat jedes Talent bei uns die Chance, entdeckt zu werden.“ Wie weit der Weg dann nach oben führt, hängt von vielen Faktoren ab, von den Möglichkeiten in Heimatnähe, von den schulischen Bedingungen, oft auch vom Geburtsdatum. Dass spät im Jahr geborene Kinder massiv benachteiligt sind, ist ein Fehler im System, der sich aber schwer beheben lässt. Auch darum will sich Weißmann kümmern, vielleicht fällt ihm etwas ein, wie das Problem zumindest abgemildert werden kann. Dass er Dinge vorantreiben und auch gegen Widerstände durchsetzen kann, hat er des Öfteren bewiesen.

Jahrgangsligen ein Erfolgsmodell

Zum Beispiel die Sache mit den Jahrgangsligen, ursprünglich eine Idee von Michael Franke. Nicht nur dem Fußballchef der FT Gern war es ein Dorn im Auge, dass starke Jahrgänge, die aufgestiegen sind, nicht von ihrem Erfolg profitieren konnten, weil sie selbst in die nächsthöhere Altersklasse aufrücken mussten. Gemeinsam mit Franke und weiteren Funktionären hat Weißmann im Fußballkreis München ein nicht ganz unkompliziertes Modell entwickelt, das den Mannschaften den Aufstieg ermöglicht, die ihn auch erreicht haben. „Die Resonanz“, sagt Weißmann, „ist zum größten Teil positiv.“ Auf ganz Bayern aber lasse sich das System nicht übertragen, dafür müssten die Vereine in jeder Altersstufe zwei Mannschaften stellen, was gerade auf dem Land bei weitem nicht überall der Fall ist. „Vielleicht noch im Raum Nürnberg oder Augsburg.“

Für Weißmann ist es natürlich ein großer Unterschied, nun nicht mehr für einen, sondern für 22 Fußballkreise zuständig zu sein, „die alle völlig unterschiedliche Voraussetzungen haben“. Es gibt die Ballungsräume, die mit Platzmangel zu kämpfen haben, aber auch ländlich geprägte Regionen, die unter Abwanderung und Überalterung der Bevölkerung leiden. Für alle will Weißmann Lösungen finden, um den Fußball attraktiv zu halten. Eine Mammutaufgabe.

Weißmann stammt aus einer Fußball-Familie, hat aber („ich war das schwarze Schaf“) selbst nie gespielt, sondern mit 15 die Schiedsrichter-Laufbahn eingeschlagen. Als U30-Mitglied rückte er in den Verbandsvorstand, ehe er von Horst Winkler, dem damaligen Bezirksvorsitzenden, zur Übernahme der Kreisjugendleitung München animiert wurde. „Ich hatte großen Respekt davor“, doch Weißmann überzeugte schnell mit Tatkraft und Ideenreichtum: „Ich wollte zeigen, da packt einer an.“

Das hat er beibehalten, deshalb schreckt ihn auch die Aufgabe als Verbandsjugendeiter nicht. Primäres Ziel ist, wirklich allen das Fußballspielen zu ermöglichen, nicht zu verhindern. Wobei manchmal weniger mehr sein könnte: „Man muss sich fragen, warum verlieren wir so viele Jugendliche in der D- oder C-Jugend? Die haben dann schon sechs bis acht Jahre gespielt, oft viel zu viel, und haben nichts gesehen vom Leben.“

Fußball soll immer Spaß machen, gerade deshalb ist Weißmann gegen Erfolgsdenken, für neue Spielformen wie Funiño, für Futsal statt des Gebolzes im herkömmlichen Hallenfußball. Auch für eSport hat er zwei offene Ohren, „das sind neue Zielgruppen für Vereine“. Jugendfußball, so sein Credo, muss etwas anderes sein als Profifußball. Etwas völlig anderes. Das setzt er durch, auch gegen Widerstände.

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