München – Löwenstüberl? Wirtshaus am Sportpark? Nein, zum großen Interview treffen wir 1860-Präsident Robert Reisinger und seinen Hachinger Amtskollegen Manfred Schwabl auf der Dachterrasse der Münchner TU. Neutrales Terrain, herrlicher Ausblick – die perfekte Kulisse für ein launiges Gespräch über Pläne, Probleme und Präsidentenrollen.
-Herr Schwabl, Herr Reisinger, wie lange und gut kennen Sie beide sich eigentlich schon?
Reisinger: Mei, man kennt sich halt von diversen Veranstaltungen – wie lange, das kann ich jetzt spontan gar nicht sagen . . .
Schwabl: Es ist jedenfalls nicht so, dass wir uns jetzt schon intensiver sportlich ausgetauscht hätten.
Reisinger: Ja, weil du dich mit einem Regionalliga-Präsidenten nicht abgegeben wolltest (schmunzelt).
Schwabl: Stimmt, das hab ich aber auch nicht mehr nötig, darüber bin ich hinweg (beide lachen laut).
-Hätten Sie mal Lust, eine Woche mit dem anderen zu tauschen?
Reisinger: Eine Woche würde mir nicht reichen, da kann ich mich nicht genug erholen.
Schwabl: (grinst kopfschüttelnd)
Reisinger: Also ernsthaft: Ich könnt’s mir nicht vorstellen, weil ich mit Herz und Seele Sechzger bin.
Schwabl: Meine letzte Station als Profi war Sechzig, da hängt man emotional halt noch am meisten dran. Die Frage nach dem Präsidenten ist in der Vergangenheit ja immer wieder mal aufgetaucht, aber ich hab in Haching meine Aufgabe gefunden und da ist jetzt so viel aufgebaut worden, dass ich über ein anderes Thema gar nicht nachdenke.
Reisinger: Man muss auch differenzieren. Du hast in Haching ganz andere Aufgaben als ich hier bei 1860.
-Auf diese unterschiedlichen Definitionen wollten wir gerade kommen. Sie, Herr Reisinger, sind als Präsident nur Gesellschaftervertreter in der 1860-KGaA, bei Ihnen, Herr Schwabl, sind e.V. und Profis nicht getrennt.
Schwabl: Ja, ich bin praktisch Präsident und Sportdirektor in Personalunion.
Reisinger: Das ist das, was viele Leute immer wieder verwechseln. Wir haben bei 1860 ein ausgegliedertes Fußballunternehmen mit eigener Geschäftsführung, Vereine wie Haching nicht.
-Noch nicht.
Schwabl: Wir werden im Herbst vor allem zum Schutz der Gemeinnützigkeit in eine GmbH & Co. KGaA ausgliedern, ab der U 16. Trotzdem wird diese rechtliche Trennung zwischen gemeinnützigem Verein und gewinnorientiertem Profibetrieb nicht die großen personellen Konsequenzen haben. Wir können uns das so einrichten, dass es passt, der Kollege Reisinger hingegen ist in eine vorhandene Struktur eingestiegen.
Reisinger: Ich kann euch nur raten, aus unseren Fehlern der Ausgliederung zu lernen.
-Die da wären?
Reisinger: Einer der größten Fehler war aus meiner Sicht, das Nachwuchsleistungszentrum in der KGaA zu verorten. Das hätte ich so nicht gemacht, um den e.V. im Falle des Falles überlebensfähig zu halten.
Schwabl: Siehst du, schon machen wir den ersten Fehler . . . (beide lachen)
Reisinger: Und unseren Erbpachtvertrag hätte ich auch im e.V. gelassen, so dass die KGaA Mieter beim e.V. wäre und nicht wie jetzt andersrum. Auch bei 1860 war damals im Jahr 2001 die Sicherung des e.V. der Hintergedanke, aber es wurden halt die kompletten Vermögenswerte ausgegliedert und der e.V. stand da wie ein nackerter Hund.
-Wie steht es um die Rivalität zwischen 1860 und Haching, gibt’s die noch?
Reisinger: Sie ist sicher nicht mehr so groß, wie sie mal war, aber klar ist da noch Reibung vorhanden. Von meiner Seite gibt es keinen Neid, sondern nur Hochachtung vor dem, was Manni in Haching aufgebaut hat. Auch wie er die Jugend nach vorne gebracht hat. Diese Konkurrenz tut auch uns gut.
-Ernsthaft? Haching ist in der Jugendarbeit inzwischen vor 1860.
Reisinger: Klar sind wir nicht glücklich, aber das ist eine gesunde Rivalität. Es ist doch gut, einen Gradmesser zu haben.
Schwabl: In den für uns eminent wichtigen Jahrgängen U 17 und U 16 sind wir jeweils eine Liga höher, aber das kann sich schnell wieder ändern. Ich messe das nicht an Spielklasse sondern an der Zahl der Spieler, die wir in die erste Mannschaft durchbringen. Es sind jetzt momentan 50 Prozent bei uns.
-Es ist kein Geheimnis, dass auch Sie, Herr Schwabl, Stefan Lex gerne verpflichtet hätten. Warum hat 1860 den Zuschlag bekommen?
Schwabl: Dazu muss man erstmal sagen, dass der Stefan ein Tiefblauer ist. Wir konnten mit ein paar Dingen punkten, aber das war einfach zu wenig. Ich kann die Entscheidung von Stefan komplett verstehen. Finanziell können wir da nicht mithalten, das wollen wir aber auch nicht.
Reisinger: Ich glaube nicht, dass Stefans Entscheidung an den Finanzen lag – da spielte viel mehr das Ideelle eine Rolle. Ohne das despektierlich zu meinen: Er spielt als Blauer einfach lieber vor 15 000 Zuschauern im Grünwalder als vor 4000 in Haching.
Schwabl: (zwinkert) Wenn ich das Dreifache verdiene, kommt das natürlich auch noch dazu, ja.
-Haching hat einen Profi-Etat von knapp über zwei Millionen, bei 1860 kann man noch eine gute Million drauflegen – sind die Löwen damit ein Mitfavorit auf den Aufstieg, Herr Schwabl?
Schwabl: (überlegt lange): Ein Geheimfavorit.
-Herr Reisinger?
Reisinger: Wir sind bescheiden und wollen jetzt erst mal in der Liga ankommen, dann schauen wir, was passiert.
-Wo sehen Sie die Hachinger?
Reisinger: Ich finde, alles zwischen Platz drei und zehn wäre für die Hachinger ein Riesenerfolg.
Schwabl: Man könnte zwar sagen, dass nach Platz neun im letzten Jahr mehr kommen sollte – mit Platz zehn bis 14 könnte ich mich in dieser Liga aber anfreunden. Ich möchte nur nicht unten reinrutschen. Vor einem Jahr habe ich gesagt, wir möchten innerhalb der nächsten drei Jahre hoch – diese Prognose verschiebe ich jetzt um ein zusätzliches Jahr nach hinten. Die Dritte Liga hatte wohl noch nie so ein Niveau.
– Es wird immer wieder betont, die Dritte Liga sei langfristig für die meisten Vereine nicht zu finanzieren – wie schafft man den Spagat zwischen Aufstiegsambition und Abstiegsangst?
Schwabl: Da muss man den Kopf auf die Seite legen und schauen, dass man sich mit den zur Verfügung stehenden Mitteln gut aufstellt – mehr kann man nicht machen.
-Wie lange schafft man es, trotz fehlender Fernsehgelder eine aufstiegsreife Mannschaft zusammenzustellen?
Schwabl: Das muss wachsen. Ich habe nie einen Hehl daraus gemacht, dass wir jedes Jahr eineinhalb Millionen draufzahlen. Jetzt haben wir aber zum ersten Mal ein Plus in der Bilanz durch einen Top-Transfer (Karim Adeyemi, 16, wechselte für drei Millionen Euro zu Red Bull Salzburg/Red.), da hat sich die Jugendarbeit eigentlich schon ausgezahlt. Wenn man ständig Leistungsträger verkauft, wird man diesen Spagat nie hinbekommen. Wir wollen eine Mannschaft formen, mit der wir in den nächsten zwei Jahren arbeiten und die sich nur noch punktuell verändert. Dazu muss aber auch immer wieder Top-Talente verkaufen, auch das gehört zu unserem Konzept. Der wichtigste Punkt ist aber, dass unser Cheftrainer Claus Schromm diese Vision komplett mitträgt und sportlich vorne weg marschiert.
-Wie wollen die Löwen der Finanzfalle Dritte Liga entkommen?
Reisinger: Wir wollen für Sponsoren wieder attraktiv werden, indem wir Seriosität vorleben – das haben wir in den letzten zehn Jahren nicht gemacht. Der Name Sechzig ist ja noch etwas wert, das muss man einfach wieder herausstellen. Das funktioniert aber nur, wenn man Einigkeit zeigt, einen kontinuierlichen Kurs fährt und nicht immer von Champions League redet, sondern das annimmt, was Fakt ist.
-Bis wann soll der Aufstieg klappen?
Reisinger: Daniel Bierofka kann sich vorstellen, den Aufstieg nächstes Jahr in Angriff zu nehmen. Ich bin da ganz offen: Wenn es finanziell darstellbar ist – und dank eines Investors sollte es das sein –, können wir uns zwei, drei Jahre Zeit lassen, um anzugreifen. Die sportliche Leitung hat jetzt eine sehr gute Mannschaft zusammengestellt, mit der wir nicht gegen den Abstieg spielen müssen.
-Herr Schwabl, wie groß ist der Unterschied zwischen Regionalliga und Dritter Liga?
Schwabl: Auf jeden Fall größer als der zwischen 2. und 3. Liga, dazwischen fehlt nicht mehr sehr viel. Deswegen ist es auch ein Wahnsinn, dass es in der 2. Liga das bis zu Zehnfache an TV-Geldern gibt. Je nach Ranking bekommt ein Zweiligist zwischen 7,5 und 15 Millionen, in der 3. Liga sind wir bei einer Million, das treibt viele Vereine in den Ruin. Das ist ein Systemfehler, dort liegt etwas komplett im Argen.
-Liegt das Problem auch darin, dass die Dritte Liga keine eigene Interessensvertretung hat?
Schwabl: Es gibt bei uns hohe Anforderungen an die Professionalität, andererseits heißt es immer, man sei halt irgendwo zwischen Amateur- und Profifußball. Eigentlich ist man da beim DFB komplett falsch aufgehoben, schließlich ist der DFB auch ein gemeinnütziger Verein. Sie sagen immer, sie dürften nichts verteilen, da sie gemeinnützig seien – gut, dann sollen sie uns zur DFL stecken. Solange nicht fünf bis zehn Vereine zugrunde gehen, wird sich in der 3. Liga nichts ändern. Für uns da unten interessiert sich in der letzten Konsequenz niemand. Wir sind einfach eine Harakiri-Liga.
-Was wird in der Dritten Liga sportlich anders?
Schwabl: Das Tempo und die Effizienz. Fehler werden gnadenlos ausgenutzt und es gibt viele lange Bälle. Ab auf den zweiten Ball und Attacke – so spielen die meisten. Ich glaube, wir sind eine der wenigen Mannschaften, die es spielerisch versuchen.
-Wer sind Ihre Favoriten?
Schwabl: Kaiserslautern und Braunschweig werden alles in die Waagschale werfen, um direkt wieder aufzusteigen. Braunschweig war vor kurzem noch in der Ersten Liga, die kommen von zirka 15 Millionen Euro Fernsehgeld und bekommen jetzt eine. Da wünsche ich dem Schatzmeister viel Spaß.
-Und ansonsten?
Schwabl: Karlsruhe schätze ich sehr stark ein. Die hatten jetzt ein Jahr zum Arbeiten, die werden eingespielter sein. Und dann gibt es ja noch den Geheimfavoriten von der Grünwalder Straße…
-Ist 1860 der stärkste Aufsteiger?
Schwabl: Mit den Verstärkungen ja…
-Uerdingen hat mit Aigner und Großkreutz auch ordentlich hingelangt.
Schwabl: Die machen es wie Real Madrid früher – aber ob das dann eine Mannschaft wird?
Reisinger: Uerdingen macht es so wie 1860 in der Zweiten Liga. Aber bekannte Namen ergeben noch lange keine gute Mannschaft. Ich glaube, da haben Daniel Bierofka und Günther Gorenzel ein besseres Händchen.
-Welches Spiel wird Ihr Highlight?
Reisinger: Ich freue mich auf jedes Spiel. (Schwabl gähnt im Hintergrund, alle lachen). Zuerst mal Kaiserslautern, das hat ja fast Bundesliga-Charakter. Und auf Haching freue ich mich, wenn mir der Manni ein Weißbier ausgibt.
Schwabl: Mein Highlight wird der 26. September, nicht wegen der Wiesn, sondern weil Sechzig kommt und wir jetzt die ersten Stühle wegmontiert haben, damit die Tribüne fertig wird. Wie viele Karten müssen wir euch eigentlich geben?
Reisinger: Das hast du doch mit mir schon ausgemacht.
Schwabl: Ich bringe euch 4500 Karten rüber – aber du zahlst!
Reisinger: Die sind in einer Stunde verkauft – und dann darfst du das Geld abholen.
Schwabl: Passt schon. Die zwei Tage bekommst du natürlich Kredit.
Interview: Florian Fussek, Max Kramer, Ludwig Krammer