DFB-Präsident Grindel ergreift das Wort

Zu wenig, zu spät

von Redaktion

Mesut Özil ist gestern in Singapur zum ersten Mal seit Sonntag und dem denkwürdigen Dreiakter seiner Generalabrechnung wieder öffentlich aufgetreten. Gespielt hat er noch nicht, gesprochen auch nicht, aber das war nicht weiter schlimm. Inzwischen fragt sich die Öffentlichkeit ohnehin eher, was denn die Gegenseite zu erwidern hat.

Nun weiß man es, und das Ergebnis ist ernüchternd – in seiner Vorhersehbarkeit ebenso wie in der inhaltlichen Dürftigkeit. Dass Reinhard Grindel sich gegen Rassismus-Vorwürfe wehren würde, war klar – nicht zuletzt, weil sie haltlos sind. Der Präsident mag eitel sein, ein schlechter Krisenmanager, ihm mag der strategische Weitblick fehlen und das Gespür, wann die Politik des Aussitzens an ihre Grenzen stößt. Selbst seine kritischen Multikulti-Zitate aus Politikerzeiten aber machen ihn nicht zu einem Rassisten. Dieser Vorwurf war von Anfang an so krude wie die Behauptung Özils, das Erdogan-Foto sei nicht politisch gewesen.

Dass es so weit kommen konnte, hat sich Grindel gleichwohl selbst zuzuschreiben. Sogar jetzt liefert er noch keine plausiblen Argumente, wieso die Debatte dermaßen lange das Klima vergiften und echte Rassisten zu üblen Schmähungen ermuntern konnte. Als ein türkischstämmiger Spieler Schwedens nach seinem spielentscheidenden Fehler gegen Deutschland beleidigt und bedroht wurde, reagierte die Mannschaft sofort und unmissverständlich. Der Supertanker DFB hingegen hielt während des gesamten Turniers seinen Kurs der totalen Ignoranz. Als dann alles verloren war, hatte die Spitze nichts Besseres zu tun, als mit dem Finger auf Özil zu zeigen und Erklärungen einzufordern.

Eine solche Erklärung hätte man nun auch von Grindel gerne gehört, doch selbst jetzt windet er sich aus der Verantwortung für das Debakel. Das beginnt damit, dass er sich keinen Fragen stellt (die zwangsläufig kritisch wären) und statt dessen das Thema in Schriftform abzuräumen versucht. Und es geht damit weiter, dass er nicht allein sich zum Ziel der Özilschen Rassismus-Vorwürfe macht, sondern „meine Kollegen, die vielen Ehrenamtlichen an der Basis und die Mitarbeiter im DFB“. Diese Lesart ist regelrecht perfide, weil sie Unbeteiligte hineinzieht. Özil hat in manchem Recht und in vielem Unrecht, aber gegen die ehrenamtlichen DFB-Helfer richtete sich sein Zorn zu keinem Zeitpunkt.

Vor diesem Hintergrund ist es kein Wunder, dass die Integrationsdebatte, um die es im Kern ja eigentlich gehen sollte, weiter stockend verläuft. Grindel hat erkannt, dass die Glaubwürdigkeit des Verbandes und eines seiner ganz zentralen Anliegen auf dem Spiel stehen. Doch um diesem Trend kraftvoll zu begegnen, bietet er zu wenig. Und das auch noch viel zu spät.

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