Wie kaputt unser Fußball ist? Eine bange Frage, die ja nicht ganz unberechtigt erscheint nach dieser für Deutschland derart verkorksten WM und den in diesem Ausmaß selten erlebten heftigen Nachbeben. Aber mal ehrlich, der Fußball ist doch absolut unkaputtbar, nicht einmal Männer wie Mateschitz und Hopp schaffen das, nicht abgehobene Multimillionäre, auch nicht steinreiche Scheichs, die sich sogar an den Traditionalisten der Sechziger die Zähne ausbeißen. Und nicht einmal der DFB, auch wenn er sich noch so sehr müht. Dort gibt es seit Jahren derart viele offene Fragen, dass es schon kurios anmutete, als ausgerechnet der DFB-Präsident Grindel den Fußballer Özil ermahnt hat, endlich sein Schweigen zu brechen.
Größere Sorgen aber sollte man sich machen um die Integrationskraft des Fußballs, die Schaden nehmen könnte, nachdem sich Özil endlich, aber anders als von Grindel erhofft, geäußert hat. Und das wäre bitter. Gerade die vielen Amateurvereine, nicht die abgehobenen Profis oder gar der DFB, haben hier in Deutschland Großartiges geschafft, die kleinen Klubs haben hinter dem Fußball Menschen zusammengeführt, unterschiedlichster Herkunft, Nationalität, Kultur und Weltanschauung, sie haben gerade den vielen türkischstämmigen Mitbürgern eine Heimat gegeben, in der sie nicht Ausländer, nicht Migrant, nicht Türke waren, sondern Torjäger, Abwehrrecke, Mittelfeld-Regisseur und Freund. Mitglieder einer funktionierenden Mannschaft.
Gerade in Ballungsgebieten wie München lebt der Fußball vor allem dank der Migranten. Und das ganz gut, auch wenn es immer wieder mal ein paar Probleme gibt. Die aber sind lösbar, wenn man sich ernsthaft damit auseinandersetzt, nicht (vor-)verurteilt, sondern zumindest ein bisschen Verständnis aufbringt für eine etwas andere Mentalität. Wie es zum Beispiel Bernhard Slawinski tut, der Vorsitzende des Fußballkreises München. Mit seiner Fair Play-Initiative nutzt er den Sport, um Menschen friedlich zusammenzuführen, Fußball ist dafür ein probates Mittel.
Oder muss man nun sagen: war? Mit dem Satz, „ich werde nicht mehr länger für Deutschland auf internationalem Niveau spielen, solange ich das Gefühl habe, rassistisch angefeindet und nicht respektiert zu werden“ hat Özil Gräben aufgerissen, die längst geschlossen schienen. Mesut Özil ist vielen jungen „Deutsch-Türken“ Idol und Vorbild, der DFB hat sich mit ihm als Musterbeispiel gelungener Integration geschmückt. Mit diesem Satz aber, der auf eine Rede des früheren CDU-Abgeordneten Grindel 2004 im Bundestag anspielt („Multikulti ist in Wahrheit Kuddelmuddel“), weckt Özil jenes Gefühl, das dank der Arbeit in den Amateurklubs längst überwunden schien: Egal was du tust, am Ende gehörst du doch nicht dazu, wirst nicht respektiert, sondern reduziert auf deine Herkunft oder die deiner Eltern.
Und das ist bitter. Gerade in einer Zeit, da die Gesellschaft zerrissen wirkt, da von rechts außen üble Stimmung gemacht wird gegen alles, was nicht Deutsch ist, da sogar aus Regierungskreisen seltsame und leicht missverständliche Töne kommen, die Menschen mit Migrationshintergrund verunsichern. Schade, dass nun sogar der Fußball, der so viel geleistet hat in den letzten Jahren, zusätzlich Irritation schafft, weil ein – sicher äußerst unglücklicher – Auftritt von Özil und Ilkay Gündogan das Krisenmanagement des größten Sportfachverbandes der Welt schlicht überforderte.
Kaputt gehen wird der Fußball auch daran nicht. Aber es wurde ein Stück von dem kaputt gemacht, was von engagierten Ehrenamtlichen in unzähligen Stunden aufgebaut wurde: Ein Kosmopolitismus, der jenseits von Ausgrenzung und Rassismus gelebt wird. Und das sogar ziemlich gut.
Zwischentöne