München – Es war früh klar, dass es die bisher schwerste Etappe für Peter Sagan werden würde. „Er leidet noch deutlich mehr als gestern“, stellte Ralph Denk, Chef des Bora-hansgrohe-Teams, am Freitag schon früh auf der Fahrt durch die Pyrenäen fest. Die Schmerzen schienen Sagan ins versteinerte Gesicht gemeißelt zu sein. Es galt durchzuhalten. Irgendwie am Ziel in Laruns anzukommen. Schließlich stand das Grüne Trikot auf dem Spiel.
Am Mittwoch war der dreifache Weltmeister aus der Slowakei bei einer Abfahrt schwer gestürzt. „Peter war zu schnell unterwegs“, erzählte Denk. Bei dem Crash zog er sich große Schürfwunden zu, prellte sich den Rücken, das Becken, blutend kämpfte er sich durch den Tag. Die Tour zeigte sich wieder einmal von ihrer grausamen und auch unberechenbaren Seite. Denn in den zwei Wochen zuvor hatte sich die Spitzenkraft des Raublinger Rennstalls vor allem als Triumphator präsentiert. Der 28-Jährige gewann drei Etappen, bescherte seinem Team das erste Gelbe Trikot überhaupt, fuhr konstant in Grün. „Das war mehr, als wir erwarten konnten“, sagte Denk.
Kein Zweifel, der extrovertierte Bora-Kapitän ist eine der Hauptattraktionen dieser Tour. Auch weil er in der Rolle des Showmans und Publikumslieblings zu glänzen weiß. „Er kann umschalten zwischen Spaßvogel und vollem Rennmodus – dann ist er total ernst und total konzentriert“, erzählte Denk.
Die letzten beiden Tage sah man Sagan so ernst wie selten. Er musste auf die Zähne beißen, den Schmerz bezwingen. Doch statt sich schonende Zurückhaltung aufzuerlegen, mischte Sagan auf der Donnerstags-Etappe am Ende sogar beim Finish mit und wurde Achter. „Er wollte den Leuten beweisen, dass er noch da ist. Er liebt die Herausforderung“, meinte Denk. „Das ist vergleichbar mit einem Tier. Wenn das verletzt ist, mobilisiert es die letzten Kräfte.“
Am Freitag aber setzten die Qualen dem angeschlagenen Sagan, der Arm und Bein bandagiert hatte, so sehr zu, dass er sich alsbald am Ende des Pelotons wiederfand. Boras Sportliche Leitung hatte ihm mit Daniel Bodnar und Maciej Oss zwei Helfer zur Seite gestellt. „Das sind seine Freunde, sie sollten ihn heimbringen“, sagte Denk. Das Teamwork funktionierte. Mit 38:30 Minuten Rückstand – und damit innerhalb des Zeitlimits – überquerte Sagan die Ziellinie. Erstmals an diesem schmerzvollen Tag sah man ihn lächeln. Armin Gibis