Regionalliga Bayern ohne 1860

Volksfeste für die Ewigkeit

von Redaktion

Von Tobias Gmach

München – Hans Kölbl ist zufrieden mit seinem Mais. „Er wächst gut, er hat ganz schön aufgeholt“, sagt er. Wenn er Ende Juli über seine 40 000 Pflanzen blickt, kann er sich gar nicht vorstellen, dass genau dort Anfang Mai 5000 Fußball-Fans feierten.

Kölbl ist einer, der sich diese Woche für den FC Pipinsried mal wieder eineinhalb Stunden aufs Motorrad setzte und dabei zuschaute, wie sein Verein an einem Dienstagabend in Eichstätt hoffnungslos mit 0:4 unterging. So ist der Alltag in der Regionalliga: ein bisschen romantisch, aber oft auch trist.

Am 5. Mai 2018 hatte der Alltag Pause: Der TSV 1860 wird Viertligameister. In einem Ort mit 550 Einwohnern schauen ihm dabei fast 7000 Menschen zu. So viele haben nur Platz, weil Hans Kölbl mit dem Maisanbau noch gewartet hat – und seinen Hang in eine Naturtribüne verwandeln lässt. In der zweiten Halbzeit mischt sich der Landwirt unter die Fußballverrückten auf seinem Hügel: „Ich wollte das Fanerlebnis haben“, sagt er heute.

Der Vorsitzende des FC Pipinsried, Roland Küspert, freut sich immer noch über das Lob, das nach dem „Spiel des Lebens“ (Homepage-Zitat) im Vereinsbriefkasten und den sozialen Medien landete: Hier kriegt man seine Wurstsemmel ja schneller als im Grünwalder Stadion, schrieb damals einer. Das wiederrum ist den 50 Frauen aus dem Ort zu verdanken, die die 8000 Semmeln im Sport-, Tennis- und Pfarrheim belegten. Weil die Regionalligisten Mannschaft und Löwen-Fans überall so gut versorgt haben, bedankt sich später auch der TSV offiziell in einem Rundschreiben an die Vereine.

Nun läuft die neue Saison ohne den Publikumsmagneten, ohne Naturtribüne und Volksfeste in Pipinsried und Schalding-Heining. Oder in Buchbach: Dort ist Günther Grübl Abteilungsleiter des TSV. „So ein Event werden wir wohl nicht mehr erleben“, sagt er. Dabei hat sein Verein in sieben Jahren Regionalliga schon ein paar keine Volksfeste ausgerichtet – als die Hachinger und die kleinen Bayern erstmals in das 3000-Seelen-Dorf kamen oder der Drittliga-Absteiger Jahn Regensburg vor zwei Jahren.

Mit Zuschauerzahlen haben die Buchbacher, Gründungsmitglied der Regionalliga Bayern, keine Probleme. 700 bis 800 kommen im Schnitt. „Aber die Anfangseuphorie ist vorbei“, sagt Grübl. Auch deshalb sei es schade, dass die Sechziger nun in der dritten Liga spielen. „Aber es ist wichtig für sie, dass es nach oben geht.“ Die Aussage verwundert nicht. Buchbach ist ein Löwen-Gehege: Beim sensationellen 1:0-Sieg vor fast genau einem Jahr warfen sich sogar die eingefleischtesten Buchbacher – bei Heimspielen stehen sie am Grill – ins Münchner Trikot. 2500 Zuschauer bestürmten den Ort, wo der Onkel von Löwen-Coach Daniel Bierofka dem 1860-Fanclub vorsteht.

In das kleine Eichstätter Stadion hatten sich damals über 2800 Menschen auf die Holzbretter gestellt. Ein Hochrisikospiel, von dem der VfB profitierte: mit Einnahmen im niedrigen fünfstelligen Bereich, sagt Abteilungsleiter Hans Benz. Die Umkleidekabinen konnten renoviert, Spielergehälter leichter ausbezahlt werden. „Wir haben jetzt Rücklagen, falls wir mal die Waschmaschine oder Duschen erneuern müssen.“

Der VfR Garching – auch ihm bescherte 1860 mit 3000 Zuschauern einen Vereinsrekord – freute sich ebenfalls über „ruhigere Finanzplanungen“, wie es Abteilungsleiter Stefan Schmiedel ausdrückt. „Wir konnten verdienten Spielern in Anschlussverträgen etwas mehr zugestehen.“ Vom Flutlichtspiel bei den Löwen (1:4) war selbst der Bayern-Anhänger begeistert. „In Garching gibt es keine Fankultur. Aber da konnten wir gleich 500 Leute mobilisieren.“ Auch der Eichstätter Benz denkt gerne zurück an die Partie im Grünwalder Stadion – ein 0:5. „Und trotzdem haben unsere Fans das Team wie einen Sieger gefeiert.“

Alle Vereinsvertreter, die man fragt, betonen den hohen Aufwand, den die Löwenspiele mit sich brachten: Sie mussten Ingenieurbüros für den Stadionausbau einschalten, beim Landratsamt Genehmigungen erkämpfen und viel Geld für Sicherheitskräfte ausgeben. Aber sie erzählen auch wunderbare Geschichten wie diese: Ein Eichstätter, der nach einem Unfall lange im künstlichen Koma lag, bekam von den Löwen kürzlich ein handsigniertes Trikot.

Es sind Beziehungen entstanden zwischen den Großen und Kleinen in der Regionalliga. Für den Buchbacher Günther Grübl ist sie die „Champions League der Amateure“ – auch ohne 1860.

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