Der TSV 1860 vor dem Start in die 3. Liga

Weißblaue Auferstehung

von Redaktion

Auch das noch: Eine Einladung zum Klassentreffen just an dem Tag, an dem sein Verein in die 3. Liga startet. Hans Sitzberger, Vizepräsident und Sponsor des TSV 1860, erweckte ganz kurz den Eindruck, als sei das ein großer Gewissenskonflikt, den er an diesem Samstag zu lösen hat. In Wahrheit war die Sache für den 65-Jährigen von Beginn an klar. Er pfeift auf das Wiedersehen mit den Mitschülern nach 50 Jahren – und reist selbstverständlich an den Betzenberg. Als einer von 4500 Löwen-Fans.

Das Beispiel Sitzberger zeigt auf schöne Weise, wie die Gefühlslage gerade im Lager der Sechziger ist. Im Prinzip nicht groß anders als zwei Monate zuvor – bei der Aufstiegseruption, die den Giesinger Berg zum Beben brachte. Die überschäumende Freude über das glückliche Ende der kurzen Regionalliga-Episode ging nahtlos über in Vorfreude auf das erste Drittligajahr der Vereinsgeschichte. Es ist die Liga, für die sich 1860 nach dem historischen Doppelabsturz sportlich „qualifiziert“ hatte – und trotzdem ist so ziemlich alles anders als im Juni 2017.

Ein kurzer Rückblick, auch wenn’s der blauen Seele wehtut: 1860 war ein Verein zum Fremdschämen, eine leblose Söldnertruppe, die sich in der Relegation blamierte und eines der dunkelsten Kapitel der Vereinsgeschichte schrieb. Statt „to the top“ ging es geradewegs ins Nirgendwo – mit zwei verfeindeten Gesellschaftern, einer Fastinsolvenz und einem armen Tropf, der auf dem weißblauen Trümmerhaufen sitzen blieb: Daniel Bierofka.

All das muss man sich immer wieder vor Augen führen, um die momentane Begeisterung zu verstehen: 1860 ist ja nicht nur zurück im Profifußball, sondern genießt auch wieder positive Imagewerte, die vor einem Jahr undenkbar schienen. Zum anderen hilft das Erinnern an den Totalabsturz, um zu erkennen, welch beachtliche Leistung hinter diesem Neuaufbau steckt. Im Jahr des Aufstiegs – aber auch in diesem Sommer. Von Hasan Ismaik kam nach gutem Zureden ein Mindestmaß an Geld, vom Verein die bodenständige Ausrichtung, von Bierofka und seinen Helfern im Hintergrund das sportliche Knowhow – all das befeuert von Fans, die wieder stolz auf ihren Verein sein können. Und sich freuen, wie wenig gerade im Klub gestritten wird.

Auch deswegen darf Sitzberger mit einem guten Gefühl an den Betzenberg reisen. Ob das junge Team dort bestehen kann, wird sich zeigen, aber die Grundlage für Erfolg ist gelegt. Auch mit Blick auf die Zukunft. Bierofka hat seinen Vertrag bis 2022 verlängert, die meisten Spieler sind emotional mit dem Verein und der Region verbunden. Sechzig macht wieder Spaß. Eine so schnelle Wiederauferstehung hätte nicht mal der tiefblaue Hans Sitzberger erwartet. Und die alten Schulkameraden kann er auch noch beim „60-Jährigen“ treffen.

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