„Wir können es nur gemeinsam rocken“

von Redaktion

Günther Gorenzel über seine Doppelfunktion als Sportchef und Teilzeitcoach, über die 1860-DNA und Zusammenhalt

München – Kaum einer hat in den letzten Jahren tiefere Einblicke ins sportliche Innenleben des TSV 1860 gewonnen als Günther Gorenzel, 47. Angetreten ist er einst als Assistent von Walter Schachner (und dann Marco Kurz), später war er auch Fitnesstrainer, Coach der U 17 und des gesamten Talentschuppens. Immer wieder suchte der Steirer auch andere Herausforderungen, unter anderem beim Drittliga-Auftaktgegner der Löwen, dem 1. FC Kaiserslautern (Saison 2011/12), ehe er im vergangenen Herbst als Sportchef zurückkehrte. In dieser Saison arbeitet er zusätzlich als Teilzeitcoach – immer an den ersten drei Tagen einer Woche, wenn Trainer Daniel Bierofka an der DFB-Akademie die Schulbank drückt. Wir sprachen vor dem Saisonstart mit dem vielseitigen Österreicher.

-Herr Gorenzel, die Hälfte der Vorbereitung haben die 1860-Profis unter Ihnen bestritten. Was haben Sie Daniel Bierofka in Ihren täglichen Berichten nach Hennef gefunkt, wie fällt Ihr Fazit aus?

Wir haben ganz am Anfang unsere Inhalte festgelegt, die dann Schritt für Schritt erarbeitet und sogar schon die Details in Angriff genommen. Man sieht ganz klar, dass wir jetzt mehr Qualität im Kader haben. Dadurch geht alles ein bisschen schneller. Wenn ich sehe, wie wir vor fünf Wochen angefangen haben und wo wir jetzt stehen, können wir sehr zufrieden sein.

-Sie sprechen ja gerne von einer sportlichen DNA, die sich bereits im Aufstiegsjahr entwickelt habe. Können Sie die in aller Kürze beschreiben?

Ganz wichtig ist aus meiner Sicht, das sportliche und taktische Konzept nach der Identität des Clubs auszurichten. Es wäre wenig sinnvoll, bei einem Arbeiterclub wie 1860 Tikitaka spielen zu lassen. Unsere Basis wird immer das Fußballarbeiten bleiben: defensive Kompaktheit, schnelles Umschaltspiel, Tempo, ein hoher läuferischer und kämpferischer Aufwand. Dennoch müssen wir verschiedene Grundordnungen einstudieren, um im Meisterschaftsbetrieb flexibel zu sein und schwerer auszurechenbar.

„Tikitaka bei 1860 wäre wenig sinnvoll.“

-Dank einer Budgeterhöhung konnten zehn neue Spieler verpflichtet werden. Erfüllen alle die Erwartungen, sportlich und charakterlich?

Absolut, aber wir haben die Transfers ja auch akribisch vorbereitet, uns intensiv mit allen Spielern beschäftigt. Da sind viele Leute involviert, die über ein Netzwerk alle verfügbaren Informationen einholen, nicht nur über die sog. hard facts (die harten Fakten/Red.). Natürlich musst du wissen, wie der Spieler technisch drauf ist, wie körperlich? Aber du musst auch wissen, wie er neben dem Platz tickt, wie sein Charakter ist. Auf dieser Basis haben wir die Mannschaft zusammengestellt – und deswegen bin ich nicht überrascht, dass sie relativ schnell zueinander gefunden hat. Wir können wirklich sehr zufrieden sein.

-Zum ersten Mal seit Jahren standen die Transfers ja relativ früh fest. Wie viel internen Druck mussten Sie aufbauen, um die beiden Gesellschafter in die Pflicht zu nehmen?

Das waren schon sehr intensive Wochen, in denen Daniel (Bierofka) und ich uns eindeutig positioniert haben. Ich verstehe natürlich, dass das rein objektiv Zeit benötigt: Du musst alles ins Englische übersetzen, die juristische Seite prüfen und so weiter. Das ist normal, wenn du zwei Gesellschafter hast; die Herren lassen sich ja nicht zum Spaß Zeit. Wichtig für uns war, dass wir das Gefühl hatten: Beide sind bereit, in die gleiche Richtung zu denken.

-Werten Sie es als Fortschritt, dass sich beide Gesellschafter im Sinne der Sache einen wirtschaftlichen Kompromiss abgerungen haben?

Auf jeden Fall. Ich glaube, es liegt massiv daran, dass die Rollen im Verein jetzt klar verteilt sind. Es gibt einen Sportdirektor und einen Trainer – und beide sprechen mit einer Zunge. Da passt wirklich kein Blatt Papier dazwischen. Daniel und ich haben auch klar gemacht: Wenn ihr mittelfristig mit uns zusammenarbeiten wollt, dann brauchen wir eindeutige Signale von beiden Seiten, dann müssen alle ihre Interessen in die gleiche Richtung bündeln. Sonst würde das Ganze keinen Sinn machen.

-Mit den neuen Spielern sind Sie also zufrieden. Das größte Lob aus Ihrem Mund hat aber ein Altlöwe erhalten: Sascha Mölders, für Sie „der beste Mölders aller Zeiten“. Woran machen Sie das fest?

Sascha ist ein ausgebuffter Profi. Der weiß genau, wohin die Reise geht, und es liegt ja in der Natur des Menschen, dass er sich bewegt, wenn er Druck bekommt. Mit Adriano Grimaldi hat er jetzt einen Konkurrenten auf seiner Position und packt deswegen noch zwei, drei Prozent mehr drauf. Ich nehme Sascha aber auch so wahr, dass er sich zu 100 Prozent mit dieser Aufgabe identifiziert. Er ist in diesem Verein zu einer Galionsfigur geworden und will’s mit 33 Jahren definitiv noch einmal wissen. Es geht ja jetzt ins letzte Drittel seiner Karriere.

-Je nach gewählter Grundordnung sind Mölders und Grimaldi auch Partner statt Konkurrenten – kein Verteidiger dürfte gerne gegen dieses Duo antreten. Kantig, robust, zweikampfstark. Eine Antwort auf die körperbetonte Gangart in Liga 3?

Das ist eine Variante, die wir ganz bewusst so gewählt haben. Es gibt aber auch einige Alternativen dazu: Wir haben noch Efkan Bekiroglu, auch Markus Ziereis, der im Abschluss brandgefährlich ist. Dazu Sandro Abruscia. Alles in allem sind wir im vorderen Bereich sehr variabel aufgestellt. Wucht mit Mölders/Grimaldi ist die eine Möglichkeit, wir können aber auch eine Variante mit einer hängenden Spitze wählen.

-Ziel des Trainerteams war, den Kader vor allem in der Breite zu stärken. Ist das gelungen?

Absolut. Ich kenne die Spieler jetzt seit fast sechs Wochen. Wie sie marschieren, wie sie zusammengewachsen sind – das ist schon toll. Wobei ich eines ganz klar sagen muss: Vorbereitung ist das eine, Wettbewerb das andere. Das sind zwei komplett verschiedene Welten. Es ist eine große mentale Geschichte, das Ding, das wir jetzt erarbeitet haben, in den Ligabetrieb zu transportieren. 40 000 Zuschauer am Betzenberg – das haben einige im Kader noch nie erlebt.

-Wie macht sich Stefan Lex, der im Trainingslager selbstkritisch einräumte, er habe mit Anpassungsproblemen zu kämpfen?

Beim Stefan sieht man einfach, dass er wenig gespielt hat im letzten Jahr. Jeder Spieler lebt ja vom Selbstvertrauen, das ist das A und O. Das kriegst du aber nur, wenn der Trainer auf dich baut und du Spiele bekommst. Lexi muss noch robuster in den Zweikämpfen werden, sich im Eins-gegen-eins mehr zutrauen. Ich bin aber überzeugt davon, dass er für uns ein ganz wichtiger Faktor wird.

-Zehnter und letzter Sommerzugang war Simon Lorenz, der beim Härtetest gegen Sandhausen prompt den Platz von Jan Mauersberger eingenommen hat. Ein Fingerzeig?

Nein, überhaupt nicht. Klar: Jan ist jetzt 33, da geht’s jetzt auch in den Herbst der Karriere. Als Verein musst du schauen, wie du dich für die Zukunft aufstellst. Leider war es uns nicht möglich, eine Dauerlösung hinzubekommen, daher das Leihgeschäft mit Bochum. Simon ist ein großes Talent, für ihn ist das jetzt genau der richtige Schritt. Und wer weiß? Vielleicht ergibt sich noch eine Möglichkeit, ihn dauerhaft zu binden. Aber: Von einer Wachablösung kann noch überhaupt keine Rede sein, weil Jan den Kampf annimmt und sich sehr gut präsentiert.

-Chef im Ring soll der aus Braunschweig geholte Sechser Quirin Moll werden, richtig?

Wir haben Quirin ganz bewusst für diese Schlüsselposition geholt, nicht zuletzt wegen seiner Erfahrung. Im modernen Fußball ist das zentrale Mittelfeld das Herzstück. Diese Jungs müssen einfach alles können: Sie sind der erste Spieleröffner, zugleich aber auch das, was früher die Zehner waren. Dazu müssen sie taktisches Verständnis haben. Defensiv sind sie die Taktgeber, offensiv im Idealfall Impulsgeber.

-Sie sind ja in dieser Saison halb Sportchef, halb Trainer. Welcher Job macht Ihnen mehr Freude?

Die Kombination momentan ist perfekt – obwohl es auch sehr arbeitsintensiv ist. Meiner Herangehensweise kommt das aber entgegen. Ich bin sicher nicht der Sportchef, der nur im Büro sitzt, sich am Laptop Dinge ansieht, dann zwei Gespräche führt und nach Hause fährt. Ich bin schon einer, der am Platz Dinge spüren muss. Es gefällt mir, so wie es gerade ist. Ich lerne auch täglich dazu, obwohl ich schon 20 Jahre in dem Geschäft arbeite.

-Ex-Profi Bernhard Winkler findet das Jobsharing schwierig aus Sicht der Spieler. Können Sie das ansatzweise nachvollziehen?

Nein. Ich glaube viel mehr, dass es eine Bereicherung ist. Auf der einen Seite denken Daniel und ich sehr identisch. Trotzdem hat jeder eine unterschiedliche Persönlichkeit und bringt die auch ein. Zu 90 Prozent sind Daniel und ich ähnlich strukturiert, und die zehn Prozent Variation können sehr bereichernd sein.

-Wird es Ihnen gerecht, Sie als den kühlen, sachlichen Analytiker zu skizzieren und Bierofka als den heißblütigen Motivator?

Ich glaube, das trifft’s ganz gut. Wobei ich jetzt nicht wie eine Leiche rumsitze, sondern auch mal lauter werde und Dinge emotional vermittle. Vielleicht bin ich aufgrund meines Alters einen Tick ruhiger, aber die Kombination ist aus meiner Sicht ideal.

-Mit ihrem 1,0-Abschluss beim Fußballlehrer haben Sie die Latte für Bierofka ganz schön hoch gelegt. Läuft da ein interner Wettstreit?

Entscheidend ist nicht, was du irgendwann mal im Studium oder auf der Schulbank geleistet hast, sondern was du auf dem Platz tagtäglich den Jungs vermitteln kannst – und da ist der Daniel herausragend. Wie er die Jungs mitnimmt, das ist einfach sensationell. Er ist die Identifikationsfigur schlechthin bei Sechzig, ohne ihn wäre nach dem Doppelabstieg alles zusammengebrochen. Es gibt da keinen Wettstreit zwischen uns, kein Konkurrenzdenken; und wenn er am Ende einen Schnitt von 1,2 hat, dann ist das auch kein Thema.

-Bierofkas sportlicher Ehrgeiz ist aber bekannt. Er hat auch frühzeitig verlauten lassen, dass er nicht vorhat, im Mittelfeld rumzukrebsen . . .

Zuallererst wollen wir in der Liga ankommen. Als Aufsteiger ist das nie leicht, gerade hier in München mit der enormen Medienpräsenz und dieser Fantradition. Die jungen Spieler müssen das erst mal im Kopf verarbeiten, deswegen steht uns eine demütige Haltung gut zu Gesicht. Ich kann auch nicht nachvollziehen, dass wir in Umfragen als Aufstiegsanwärter genannt werden. Primäres Ziel muss sein, Fuß zu fassen in der 3. Liga, Punkt um Punkt zu sammeln und so schnell wie möglich die 40er-Marke zu erreichen. Danach kann man dann schauen, was noch für Ziele möglich sind.

„Daniel ist unsere Identifikationsfigur.“

-1860 hat einen ambitionierten jordanischen Investor, bekennt sich aber immer mehr zu seinen Giesinger Wurzeln. Wie ist Ihre Meinung zur internen politischen Ausrichtung?

Zu politischen Dingen äußere ich mich generell nicht. Meine Sache ist der Sport, und da ist für uns nur eines entscheidend – dass du gemeinsam in eine Richtung marschierst. Als Beispiel und Vorbild kann ich da nur die Mannschaft nennen, das Funktions- und Trainerteam. Wir haben ganz bewusst alle mit aufs Mannschaftsfoto genommen. Denn für den Erfolg sind alle wichtig. Wenn die Waschfrau einen Fehler macht, ist das genauso schlecht, wie wenn der Cheftrainer falsch entscheidet. Wir können das Ding nur gemeinsam rocken – das sollten alle immer im Kopf haben.

-Zu den 20 interessantesten Vereinen Deutschlands zählt 1860 bereits, sagten Sie kürzlich. Wann, denken Sie, zählt 1860 auch wieder zu den 20 sportlich erfolgreichsten?

Das hängt genau von dem ab, was ich gerade umrissen habe. Wenn es dem Verein gelingt, dass alle in eine Richtung denken, alle Fanlager, alle Mitglieder, alle Sponsoren und die beiden Gesellschafter, wenn man den sportlichen Erfolg sichtbar in die Auslage stellt, dann wird es gelingen. Wenn nicht, dann wird es länger dauern.

Interview: Uli Kellner

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